Menü
eService
Direkt zu
Suche
eService – Ihr Anliegen bequem Online erledigen
Karlsruhe interaktiv – wichtige Website-Funktionen

Stadtzeitung vom 6. März 2020

Pressebericht über das Stadtmuseum

Als Gegensätze aufeinanderprallten

Neue Schau „Charleston und Gleichschritt“ über Weimarer Zeit im Stadtmuseum

Welchen Gefahren Karlsruhe in der Weimarer Republik ausgesetzt war, denen aber Aufbrüche und Chancen in die Moderne bis hin zur Gegenwart entgegenstanden, so OB Dr. Frank Mentrup bei der Eröffnung, erzählt die neue Ausstellung im Stadtmuseum. „Charleston und Gleichschritt“ belegt diese Widersprüche bis zum 29. Dezember im Prinz-Max-Palais mit Plakaten, Texten, Bildern und für sich sprechenden Exponaten wie Karl Hubbuchs Gemälde „Kinder, die unter Steinen aufwachsen“ oder den Dokumenten des lange arbeitslosen Schlossers Josef Lutz.

Trotz mancher Parallele warnte Mentrup davor, die demokratisch gefestigte Bundesrepublik mit der stets attackierten Weimarer zu vergleichen. Gleichwohl nimmt die Politik neben Alltag und Gesellschaft, Industrie, Arbeit und Sozialem, Planen, Bauen und Kultur in der Schau breiten Raum ein. Zitiert wird Badens Innenminister Emil Maier (SPD), der früh voraussah, was nach einer NSDAPMachtübernahme passiert: „Dann haben wir in wenigen Jahren einen fürchterlicheren Weltkrieg als vorher, dann kommt nach dieser (1918) die weitere Niederlage, wenn eine ganze Welt gegen uns steht.“ Eingangs symbolisieren ausgetretene Soldatenstiefel und zierliche Damen-Spangenschuhe den Titel der Schau. Darum herum schaffen große Fotos vom Bau der noch nackten Dammerstocksiedlung, Ringtennissportlerinnen oder einer Quäkerspeisung Atmosphäre. Zeitungsseiten liefern Schlagzeilen von der Ermordung des Außenministers Walther Rathenau 1922 über den Beitritt zum Völkerbund 1926 bis zur Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler 1933. Wahlplakate aller Couleur, vom Zentrum über die DVP oder SPD (Schützt Eure demokratischen Rechte), oft mit dem Ruf an Frauen, politisch aktiv zu werden, bis zur Werbung für NSDAP-Protagonisten, machen die Auseinandersetzungen lebendig.

Die Moderne in den zwanziger Jahren symbolisiert auch die neue Damenmode, bequem oder mit dem eleganten Glasstäbchenkleid für Charleston-Abende

Trotz aller Attacken und des etwa auch in Gewerkschaften aufkeimenden Antisemitismus konnte in Baden aber bis 1929 die Demokratie verteidigt werden. Die Eingliederung Elsaß-Lothringens nach Frankreich, die Auflösung der Garnison, gesteigert durch die Unterbringung von Flüchtlingen, erzeugte Not in der nun wirtschaftlich abgehängten Stadt. Daher bat mit Plakaten die deutsche Kinderhilfe um Spenden. Auch wenn immer mehr Frauen arbeiteten, bequemere Kleider und Bubischnitt trugen, wovon ein Sommer- und elegantes Tanzkleid zeugen, schwangen doch wieder sie damals moderne elektrische Staubsauger und Bügeleisen, wirbelten in der ebenfalls präsentierten Reformküche und blieben auf untere Berufspositionen beschränkt, betonte Kurator Dr. Ferdinand Leikam. Der Achtstundentag brachte mehr Freizeit, etwa beim Ringtennis in Rappenwört, im Tiergarten, in den eigens mit einer Kinoinszenierung nachgebauten Residenzlichtspielen, beim Charleston und Jazz in Cafés und Variétes oder im Landestheater, dem eine Hörstation mit Musik von Margarete Schweikert oder Josef Scheib nachklingt. -cal-

Quelle: StadtZeitung | 6. März 2020

-

Kopieren Kopieren Schreiben Schreiben