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Blick in die Geschichte Nr. 151

vom 19. Juni 2026

Angewandte Geschichte

Temporäre Denkmale im öffentlichen Raum

von Harald Ringler

 

Der öffentliche Raum ist eine für alle Personen frei zugängliche Fläche im Eigentum der Gemeinde. Der Zutritt ist ohne zeitliche und pekuniäre Beschränkung zu ermöglichen. Somit liegt hier ein zu nutzendes Potenzial für Geschichts- und Kunstvermittlung. Waren es früher Denkmale von Persönlichkeiten und Kriegerdenkmale, so konzentrierte sich nach 1945 die Errichtung von Denkmalen vor allem auf die Erinnerung Verfolgter des Nationalsozialismus wie der 2001 auf dem Jüdischen Friedhof errichtete Gedenkstein mit den Namen der ermordeten Karlsruher Jüdinnen und Juden. Eine dazu konträre Ausnahme ist der 1964 aufgestellte, an einen Sarkophag erinnernde Block für die 35. Infanteriedivision der deutschen Wehrmacht. Die 2016 in der Nachbarschaft aufgestellte Tafel erinnert wiederum an deren Kriegsverbrechen, was eine Umwertung des Gedenkens zur Folge hat. Die Installation eines turmartigen Reaktorteils zur Ammoniaksynthese zur Erinnerung an Fritz Haber auf dem KIT-Gelände könnte eine auffälligere Kommentierung zu Fritz Haber und zur Giftgasherstellung erhalten, als es die bescheidene Tafel am benachbarten Pfosten des Straßenschildes Fritz-Haber-Weg darstellt. 1990 hatte das Rektorat dort noch eine Plakette zu Ehren Habers angebracht. Später montierten Unbekannte eine Gusseisenplatte am Reaktor mit der Erwähnung der dunklen Seiten. Beide Tafeln wurden wieder entfernt. Als eine Besonderheit im Stadtraum sind die Stelen vor dem Schlossplatz zu sehen, die damit den Ort in den "Platz der Grundrechte" verwandelten.

Die Präsentation von Mahnmalen oder künstlerischen Objekten, oft auch als verpflichtendes Beiwerk bei öffentlichen Bauprojekten, erzielt in vielen Fällen nicht die Aufmerksamkeit wie sie durch zeitlich begrenzte Projekte der Geschichts- oder Kunstvermittlung im öffentlichen Raum erreicht werden kann. Temporäre Denkmale sind auf historische Anlässe bezogen, wie dies an den beiden im folgenden gezeigten Beispielen als angewandte Geschichte zu zeigen ist.

Aufblasbare Tor-Skulptur von Vera Habrecht-Simons als Nachbildung des Ettlinger Tors auf der Verkehrsinsel am Ettlinger Tor, Foto Juni 1990

Ein geschichtsbezogenes Beispiel einer zeitlich begrenzten Installation im öffentlichen Raum war die Skulptur "Ettlinger Tor" der Deutsch-Amerikanerin Vera Habrecht-Simons von 1990, dem 275. Geburtstag der Stadt. Das historische Ettlinger Tor an der Kriegsstraße war 1804 nach den Plänen von Friedrich Weinbrenner in klassizistischer Architektur fertig gestellt. Es markierte den südlichen Zugang zur Stadt und öffnete den Weg über die städtebauliche Hauptachse - 120 Jahre später als "Via triumphalis" bezeichnet - zum Marktplatz und Schloss. Die damalige schlechte Finanzlage führte zu einer sparsamen Ausführung. So wurden nur die Säulen und Umfassungsmauern in Steinmaterial ausgeführt. Wegen der ständig notwendigen Reparaturen und der Bewertung als Verkehrshindernis legte man die Toranlage 1872 nieder.

Vera Habrecht-Simons beschäftigte sich mit schwebenden Skulpturen und hatte als Ballonfahrerin Erfahrung mit der Herstellung von Kunststoffballons. Weiter übersetzte sie historische Baudenkmale in zeitlich begrenzte Skulpturen wie 1986 das Projekt "Aerial Crown" in Edinburgh, wo sie die klassizistische Architektur der National Gallery umsetzte. Die Lichtskulptur Ettlinger Tor in nahezu originalem Maßstab war ihr erstes Projekt eines nicht mehr existierenden Baudenkmals. Die räumliche Positionierung entsprach leider nicht dem exakten historischen Ort, was aber den Zweck einer, zwar eventhaft anmutenden, stadtgeschichtlichen Erinnerung nicht schmälerte.

Wussten Sie, dass auf der Denkmalinsel des Kaiserplatzes vor dem Kaiser-Wilhelm-Denkmal 27 Granitplatten mit den Namen der 1849 in Rastatt standrechtlich erschossenen Freiheitskämpfer liegen? Ihrer und der erfolglosen badischen Revolution von 1848/49 wird damit gedacht. Das Reiterdenkmal zeigt Wilhelm I., seit 1871 deutscher Kaiser, 1849 als Prinz Wilhelm von Preußen Befehlshaber der vom badischen Großherzog gerufenen Truppen zur Niederschlagung des Revolutionsheeres. Nun scheint er über die Opfer seiner vormaligen Militäraktion zu reiten. Wegen seiner harten Haltung gegen die Aufständischen in Berlin 1848 kursierte sein Schmähname "Kartätschen-Prinz".

"Freiheitskämpfer stehen auf", Markgrafengymnasium Karlsruhe, Foto 1998

Nach dem Tod von Wilhelm I. im Jahre 1888 kam es im deutschen Kaiserreich zu zahllosen Denkmalprojekten für den ersten deutschen Kaiser. "Zu Beginn der neunziger Jahre, in einer Zeit verschärfter sozialer Auseinandersetzungen und innerer Spannungen, wurde die heroisierte Gestalt Wilhelm I. zum Symbol erhoben, um das sich die nationalen Kräfte im Kampf gegen die erstarkte sozialdemokratische Opposition scharen sollte" (Meinhold Lurz). So beschloss auch der Karlsruher Stadtrat 1888 ein "Denkmal der Dankbarkeit" zu errichten, da der Sieg Wilhelms über die Franzosen die Stadt vor dem Krieg bewahrt hatte. Nach einem Wettbewerb entschied sich der Stadtrat für den Entwurf von Hermann Volz, beugte sich aber der Einmischung von Großherzog Friedrich, der dem Entwurf von Adolf Heer den Vorzug gab. Dieser hatte in der Sockelzone unter anderem die Darstellung der Rolle Badens im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 und bei der Kaiserkrönung in Versailles als Reliefs vorgeschlagen. Die Enthüllung des Denkmals fand am 18. Oktober 1897, dem Jahrestag der Völkerschlacht bei Leipzig, auf dem Kaiserplatz statt. Von 455 Denkmale für Wilhelm I. in Deutschland waren 61 Reiterstandbilder, so auch in Karlsruhe. Auf dem mehrteiligen Sockel steht das Reiterstandbild mit Wilhelm als Feldherrn. Es scheint, dass er von Westen kommend in die Stadt reiten wird, ihm voraus die heute nicht mehr vorhandene Siegesgöttin Viktoria als Skulptur auf dem Stufenpodest. Es fehlen auch die übrigen allegorischen Figuren an den drei anderen Seiten.

1998 standen die Europäischen Kulturtage Karlsruhe "1948 - Europäische Aspekte der Badischen Revolution" am Beginn der Erinnerung an 150 Jahre badische Revolution. Neben den zahlreichen und vielfältigen Veranstaltungen organisierte das Haus der Geschichte Baden-Württemberg einen landesweiten Schüler-Wettbewerb "Für die Freiheit streiten". Dabei konnte das Markgrafengymnasium im Rahmen des Leistungskurses Kunst mit seinem Beitrag "Freiheitskämpfer stehen auf" einen ersten Preis erringen. Gewertet wurden neben Originalität, Gestaltung, auch die öffentliche Wirkung. Diese drei allgemein formulierten Vorgaben fanden sich in dem Beitrag in höchstem Maße erfüllt. Es scheint, als hätten die Karlsruher Wettbewerbsteilnehmer das Reiterdenkmal Wilhelms I. als Provokation empfunden und antworteten wieder mit einer Provokation. Eine Barrikade mit 27 Brettern mit den Namen der erschossenen Revolutionäre standen dem preußischen Oberkommandierenden im Wege. Dazu zierten 27 an Seilen aufgehängte Totenköpfe das Denkmal. Damit entstand ein vierwöchiges Denk-mal als Beispiel der Erinnerungsarbeit und Ergebnis einer sinnvollen Beschäftigung mit regionaler Geschichte. Die öffentliche Wirkung war, gemessen an den zahlreichen schriftlichen Reaktionen an Schule und Rathaus sowie Leserbriefen beachtlich. So bewertete ein Briefschreiber die Installation als Denkmalschändung und hoffte, "daß sie (die Schüler) sich nach dieser ersten Untat, zu der sie verführt wurden, ohne ideologische Indoktrination mit der Persönlichkeit und geschichtlichen Leistung dieses deutschen Kaisers befassen." In einem Leserbrief in den Badischen Neuesten Nachrichten wurde die Schleifung des Reiterstandbilds gefordert, was schon nach Meinung des Schreibers 1918 geschehen hätte sollen. Die Folge waren weitere gegenteilige Reaktionen. So kann dieses Projekt von 1998 als erfolgreiches temporäres Mahnmal, Gedächtnisstütze und Erinnerungsträger gewertet werden. Ein Gegendenkmal will kritische Reflexion und soll zum Nachdenken anregen. Auch erfolgte hier eine Täter-Opfer-Umkehr, denn an Stelle des Helden wurden die Opfer Zentralfiguren des Erinnerns.

Die Stadt Karlsruhe veröffentlichte 2016 einen "Leitfaden zur Erinnerungskultur im öffentlichen Raum in Karlsruhe", der sich aber nur mit permanenten Elementen der Erinnerungskultur befasst. Es bleibt zu hoffen, dass die Initiative und Förderung von Projekten, wie sie oben beschrieben sind, auch künftig als eine besondere Aufgabe der kommunalen Kulturpolitik begriffen wird.

Dr. Harald Ringler, Leiter des Stadtplanungsamts i. R.

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