vom 19. Juni 2026
von Ernst Otto Bräunche
Die Bekämpfung von Bränden mit Feuereimern und der Feuerschutz gehörten schon lange vor der Gründung von Feuerwehren zur gemeinsamen Aufgabe in Dörfern und Städten. So hatte die Stadt Durlach 1536 eine erste Feuerordnung erhalten und auch in der jungen Residenzstadt Karlsruhe gab es bald einen Feuerbeschauer, der die Einhaltung der 1727 erlassenen markgräflichen Feuerordnung zu überwachen hatte. Mit dem Entstehen von ersten Fabriken und dem Wachsen der Städte wurden im 19. Jahrhundert neue Maßnahmen erforderlich. Feuerwehren im heutigen Sinne entstanden aber erst in den 1840er-Jahren.
Die schlimmste Katastrophe in ihrer jungen Geschichte ereilte die badische Haupt- und Residenzstadt Karlsruhe am 28. Februar 1847. Aus dem von Friedrich Weinbrenner gebauten Hoftheater drangen bei Einbruch der Dunkelheit schwarze Rauchwolken. Durch eine unvorsichtig gezündete Gaslampe während einer Vorstellung war eine Draperie in Brand geraten und setzte das Haus in Flammen. Zahlreiche Sicherheitsvorschriften waren nicht beachtet worden, u. a. waren drei Ausgänge abgeschlossen und wegen kurz zuvor begonnener Baumaßnahmen auch noch mit Latten vernagelt. So fanden 65 Menschen den Tod. Es wären noch mehr gewesen, wenn es dem 27jährigen Kaufmann Moritz Reutlinger nicht gelungen wäre, eine der Türen aufzubrechen. Hilfe kam aber auch aus der Stadt Durlach.
In Durlach hatte der Stadtbaumeister Christian Hengst in seiner Zuständigkeit für das Feuerlöschwesen dessen Mängel erkannt und die Stadtverwaltung 1846 von der Anschaffung einer Löschspritze der Firma Carl Metz in Heidelberg überzeugt, die von einer trainierten Löschmannschaft bedient werden musste. Die Anfang Mai gelieferte Stadtspritze Nr. 2 steht als Dauerleihgabe der Freiwilligen Feuerwehr Durlach im Pfinzgaumuseum. Dieses auf einem zweirädrigen Karren montierte Gerät konnte bis 30 Meter hoch spritzen. Auf Vorschlag von Metz beschloss Hengst, einen Löschverein zu gründen und bat Anfang Juli 1846 den Gemeinderat, ihm eine Reihe von zur Bedienung der Spritze geeigneten jungen Bürgern zu nennen. Mit den ihm genannten 48 Männern begann er ein Pompierkorps aufzubauen, dessen Mitglieder sich auf eigene Kosten Jacke, Hose, Gürtel und Seil zu beschaffen hatten. Die Beteiligung am Pompierkorps war mit dem Bürgerrechtsantritt verbunden. Ganz freiwillig war der Einsatz also nicht. Die monatlichen Übungen nach einem von Hengst selbst ausgearbeiteten Plan ertüchtigten die Durlacher Feuerwehr aber so rasch, dass sie beim Brand des Karlsruher Hoftheaters noch Schlimmeres verhütete und ein Übergreifen der Flammen auf das benachbarte Orangeriegebäude verhinderte. Die ehemalige Residenz und heutiger Karlsruher Stadtteil Durlach nahm damit eine Vorreiterrolle in Sachen Brandbekämpfung in Deutschland ein. Die neue Löschmannschaft unterschied sich durch eine systematische Ausbildung, differenzierte Aufgabenverteilung, regelmäßige Übungen und klare, am militärischen Vorbild orientierte Befehlsstrukturen von früheren Feuerschutzmaßnahmen. Nun stand nicht mehr der Schutz vor Ausbreitung des Brandes, sondern der Angriff auf den Brandherd, verbunden mit dem Einsatz von Hakenleitern im Vordergrund. Über den erfolgreichen und raschen Einsatz der Durlacher Feuerwehr wurde auch in der überregionalen Tagespresse berichtet. Schon am 4. März kam eine Abordnung des Karlsruher Stadtrats nach Durlach und beobachtete ebenso wie wenig später eine Delegation aus Stuttgart eine Übung der Durlacher Feuerwehr.
Die Gründung einer Freiwilligen Feuerwehr nach Durlacher Vorbild wurde also bald angegangen, da die Katastrophe die Mängel des Karlsruher Brandschutzwesens schonungslos offengelegt hatte. Es fehlte an modernen Gerätschaften, die Löschmannschaften waren nicht ausreichend trainiert und ohne einen qualifizierten Kommandanten hoffnungslos überfordert.
Bereits am 7. März 1847 wurde in der Karlsruher Zeitung eine neue Feuerlöschordnung für die Residenz vorgeschlagen, die die Gründung einer "Feuerschaar" vorsah. Diese sollte "nach Durlacher Muster" ausgerüstet und bekleidet sein sowie unter dem Kommando eines sachverständigen Technikers stehen, "um die Einreden von Bürgermeister, Stadtdirektor und Militärkommandanten zu vermeiden." Der Löschdienst wurde ausdrücklich als eine "freiwillig übernommene Ehrenpflicht" ausgewiesen. Der im Februar 1846 gebildete Allgemeine Turnverein, heute Karlsruher Turnverein 1846, der schon in seinem Gründungsjahr eine Löschmannschaft hatte, traf sich am 23. März, um über seine Beteiligung an der Initiative zu beraten. Imdie Aufruf zu dieser Versammlung im Karlsruher Tagblatt vom 22. März 1847 taucht erstmals der Begriff Feuerwehr auf. Eine Generalversammlung des "Vereins zur Bildung einer freiwilligen Lösch- und Rettungsmannschaft" am 20. März 1847 war dann die offizielle Geburtsstunde der Freiwilligen Feuerwehr Karlsruhe. Wenn man das Prinzip der Freiwilligkeit in den Vordergrund stellt, war es die erste in Deutschland. Je nach Definition der Freiwilligen Feuerwehr beanspruchen aber weiterhin etliche weitere Feuerwehren wie z. B. die in Saarlouis (1811, damals französisch), Kierspe-Neuenhaus (1835) Meißen (1841) oder eben Durlach (1847), die erste gewesen zu sein.
Bald war eine Löschmannschaft mit insgesamt 362 Feuerwehrmännern aufgestellt: 202 Freiwillige aus der Bürgerschaft und 160 Turner. Nachdem sich auch Maschinenfabrikant Emil Keßler mit zwei neuen Feuerspritzen und insgesamt 100 Arbeitern beteiligte, wuchs die neue Feuerwehr rasch auf 500 Mann an, die sich von nun an häufiger zu Übungen trafen. Ihre Bewährungsprobe folgte rasch, am 22. Juli wurde ein Brand in einem Keller, in dem Spirituosen gelagert waren, so rasch gelöscht, dass das Karlsruher Tagblatt, die bewunderungswürdige Schnelligkeit hervorhob, "womit die Feuerwehr in voller Berufstracht an Ort und Stelle erschien."
Wie wichtig diese Gründung war, belegt die Statistik. Bis 1876 rückte die Freiwillige Feuerwehr Karlsruhe nach einem ersten Großeinsatz beim Brand des Ministeriums der Auswärtigen Angelegenheiten am 2. März 1848 zu 100 Bränden aus, davon waren 26 Groß- und Dachstuhlbrände, 39 Mittel- und Kleinfeuer, sieben Kellerbrände, ein Waldbrand und 27 Brandfälle außerhalb Karlsruhes, darunter Großbrände in Königsbach (1865), Durlach (1850, 1863) und Liedolsheim (1871).
Nur ein Jahr nach Karlsruhe zog auch die Nachbarstadt Mühlburg die Konsequenz aus dem Hoftheaterbrand und gründete am 10. März 1848 eine Freiwillige Feuerwehr unter der Leitung eines Verwaltungsrates, in dem der Kommandant die Führung hatte. Die Gründungsversammlung leitete der künftige erste Feuerwehrkommandant, der Maurermeister Simon Pfeifer.
Am 29. Dezember 1850 hatte eine zwölfköpfige Kommission der Feuerwehrgesellschaft in Mühlburg Statuten ausgearbeitet und sich an das großherzogliche Landamt mit der Bitte um Bewilligung gewandt. Man war der Meinung, "obgleich sie aus lauter freiwilligen Mitgliedern besteht, ihre von der ganzen Gesellschaft gemeinschaftlich berathene und entworfene Statuten, würden viel nachhaltiger Natur sein, wenn solche von einem großherzoglichen Landamt sanktioniert wären, ...." Das Landamt genehmigte die Statuten, die im Januar 1851 gedruckt wurden, mit der Anmerkung, "daß man aus dieser Vorlage mit Vergnügen die segensreiche Thätigkeit des Bürgermeisters Sutter ersehen habe und diese hiermit lobend anerkenne." Nachdem Mühlburg im Januar 1886 mit der Stadt Karlsruhe vereinigt worden war, führte die Feuerwehr den Namen Freiwillige Feuerwehr Karlsruhe Abteilung Mühlburg.
In Karlsruhe wurde also nicht nur der Begriff Feuerwehr erstmals gebraucht, die Stadt hat heute drei Feuerwehren, die älter als 175 Jahre sind, eine im Gebiet der heutigen Bundesrepublik Deutschland sonst nirgends erreichte Dichte.
Dr. Ernst Otto Bräunche, Herausgeber/Redaktion "Blick in die Geschichte"