vom 19. Juni 2026
von Sibylle Peine
Die Familie Utz gehört zu den vergessenen Unternehmerfamilien Karlsruhes. Dabei schrieb sie in der Kaiserzeit eine außergewöhnliche Erfolgsgeschichte. In wenigen Jahren führte der aus einfachsten Verhältnissen stammende Schreiner und Furnierhändler Sixtus Utz (1834-1904) seine Familie zu Reichtum und Ansehen. Zeugnisse davon finden sich noch heute im Karlsruher Stadtbild. Utz & Söhne war Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts ein florierender internationaler Furnierhandel, bis Unglücksfälle und persönliche Leidenschaften das Unternehmen in Gefahr brachten. Einen geradezu tragischen Verlauf nahm die Geschichte der Familie dann unter den Nationalsozialisten.
Sixtus Utz war ein Unternehmer, der die Zeichen der Zeit früh erkannte. Dabei hätte sein Start ins Leben kaum schlechter sein können. Er wurde im ländlichen Rust als uneheliches Kind geboren, seine Mutter starb nur wenige Monate nach der Geburt. Vermutlich wuchs Sixtus bei Verwandten auf, die ihn hart arbeiten ließen. Als erfolgreicher Unternehmer in Karlsruhe wollte er deshalb nie mehr an diese Zeit erinnert werden. Sixtus Utz lernte das Schreinerhandwerk, heiratete und eröffnete 1864 in Rust sein erstes eigenes Geschäft. Bald erkannte er, dass die Residenzstadt Karlsruhe ein viel besserer Ort zum Geldverdienen war als das ärmliche und provinzielle Rust. 1867 eröffnete er in der Schützenstraße 10 in der Südstadt sein Furniergeschäft.
Utz wirkt auf Fotos energisch, durchsetzungsstark und dominant. Aber er hatte auch Glück. Nach der Gründung des Kaiserreichs 1871 boomte die Baubranche, es waren gute Zeiten für den Furnierhandel. Sein Geschäft wuchs quasi im Gleichklang mit der Südstadt, die damals in wenigen Jahren hochgezogen wurde. In nur einem Jahrzehnt, zwischen 1870 und 1880, wurde die Familie Utz sehr reich, wie heute noch das herrschaftliche Haus an der Ettlinger Straße 15 dokumentiert. Das mit Balkonen, Erkern und Säulen reich verzierte Gebäude nimmt das gesamte Eckgrundstück zur Werderstraße ein. An einem der Balkonsimse hat sich der stolze Bauherr mit dem Namenskürzel S. Utz verewigt. Das heute unter Denkmalschutz stehende Haus wurde in den Jahren 1879/80 von dem Pforzheimer Architekten Dengler errichtet. In einem Anbau im Hinterhof lagerten die Furnierhölzer, er ist auch heute noch ein Maleratelier. Ein kleineres Haus an der Werderstraße 2 war das Domizil der "Utze-Buben", der vier Söhne des Firmengründers.
Der Immobilienbesitz der Familie Utz an der Ettlinger Straße war aber weit größer. Bereits 1878 hatte Sixtus Utz von einem Wirt das Haus Ettlinger Straße 11 ersteigert, das er von einem Restaurationsbetrieb mit Gartenlokal zu einem Geschäftshaus umbaute. Von hier wurden die Geschicke von Utz & Söhne über vier Jahrzehnte bis zum Jahr 1920 geleitet. Zwischen den beiden Häusern an der Ettlinger Straße lag ein Garten, dessen besondere Attraktion eine Grotte war. Von diesem Teil des Utz-Besitzes ist heute nichts mehr zu sehen, er ging im Bombenhagel 1944 unter. Heute stehen hier gesichtslose Nachkriegsbauten.
Mit Ida Bender, der Tochter eines Notars aus Steinbach (heute Baden-Baden) hatte Sixtus Utz fünf Kinder, die Söhne Emil, Heinrich, Oskar und Ludwig sowie die einzige Tochter Frieda. Sämtliche Söhne arbeiteten im Geschäft mit. Der jüngste Sohn Ludwig, der sich auch vornehm Louis nannte, kümmerte sich besonders um die Kontakte nach Frankreich. Später reiste er oft nach Alexandria, wo eine Import-Export-Gesellschaft für Furniere entstand. Neben der Möbelindustrie waren besonders die Klavierbauer wichtige Abnehmer der Utzschen Furnierhölzer. Auf einem Briefkopf warb die Firma damit, ebenso wurden Spezialitäten wie "Phantasie-Hölzer, Nußbaum-Maser-, Streif- und Flammen-Fourniere" angepriesen.
1893 nannte sich Sixtus Utz offiziell in Emil Utz um, unter diesem Namen wurde er 1904 auch auf dem Karlsruher Hauptfriedhof begraben. Offenbar um den dynastischen Charakter seines Unternehmens zu unterstreichen, hieß der Firmengründer nun genauso wie sein ältester Sohn Emil und sein gerade geborener Enkel Emil Theodor. Utz & Söhne war ab jetzt auch die offizielle Bezeichnung des Furnierhandels. Allerdings sollte am Ende alles ganz anders kommen als erhofft. Die beiden als Nachfolger vorgesehenen Abkömmlinge sollten die Firma niemals leiten.
Unerwartete Ereignisse in der Familie machten die Pläne zunichte. Ab 1897 zeigte der zweitälteste Sohn Heinrich beängstigende Zeichen geistiger Verwirrtheit, die bald als Gehirnparalyse infolge einer Syphilis diagnostiziert wurde. Den Rest seines Lebens verbrachte er in der Heilanstalt Illenau (Achern). Als größte Enttäuschung seines Vaters erwies sich der älteste Sohn Emil. Er hatte Chemie studiert und sogar Patente entwickelt, war also nur halbherzig Geschäftsmann. Trotzdem war er als Firmennachfolger vorgesehen. Mit seiner Frau und drei Kindern lebte Emil in einer pompösen Villa in Durlach, dem späteren Parkschlössle, als er sich in die österreichische Schauspielerin Jenny Carsen verliebte. Er verlangte nicht nur die Scheidung, er wollte auch komplett aus dem Furnierhandel aussteigen. Beides geschah im Todesjahr des Vaters 1904. Emil lebte fortan mit seiner zweiten Frau Jenny fern von Karlsruhe in Kurbädern ein bequemes Rentiersleben.
Nach dem Tod des Firmengründers Sixtus Utz war seine Witwe Ida Inhaberin des Furniergeschäfts. Sie übertrug es aber an ihre jüngsten Söhne Oskar und Ludwig. Aus dem Vertrag geht hervor, dass die auf Bildern so sanft und gutmütig aussehende Ida Utz eine clevere Geschäftsfrau war. Zum einen blieben alle Immobilien samt deren Mieteinnahmen in ihrem Besitz, zum anderen mussten ihr die Söhne das Furniergeschäft in halbjährlichen Raten mit fünf Prozent Zinsen abzahlen. Der Wert des Unternehmens betrug nach Abzug aller Verpflichtungen knapp 160.000 Goldmark.
Nur drei Jahre später folgte ein weiterer Schicksalsschlag. Im Sommer 1907 starb mit nur 41 Jahren völlig unerwartet der zweitjüngste Sohn Oskar Utz. Von nun an bis zu seinem Tod im Jahr 1935 war Ludwig Utz Alleininhaber von Utz & Söhne. Dass das Schicksal es so wollte, hatte zumindest insofern etwas Gutes, als der jüngste Utz-Sohn wohl der beste Geschäftsmann war. Ihm gelang es, den Furnierhandel über die schwierigen Kriegs- und Inflationsjahre zu retten. Es kam allerdings zu Einbußen. Der Krieg zerstörte die Handelswege für den Import von Tropenhölzern, auch hatten die Menschen andere Sorgen, als sich schöne Möbel zu kaufen.
Als Ida Utz 1920 starb, ging das Haus in der Ettlinger Straße 15 an ihre Tochter Frieda Bischoff. Das Geschäftshaus in der Ettlinger Straße 11 verkaufte Ludwig Utz, um den Firmensitz an seine Privatadresse in der Eisenlohrstraße 25 zu verlegen. Das Holzlager befand sich in der Artilleriekaserne an der Moltkestraße. Aus einem Schreiben geht hervor, dass ihm Karlsruhe in diesen unruhigen Zeiten - es war das Jahr der Ruhrbesetzung - mit seiner exponierten Lage nahe Frankreich zu unsicher war. So zog er Ende 1923 mit seinem Furniergeschäft nach München. Bis zu seinem Tod 1935 war der weltgewandte Ludwig Utz weiterhin unermüdlich als Furnierhändler in aller Welt unterwegs, wie seine vielen Reisestempel im Pass zeigen. Er vererbte Frau und Tochter immer noch ein beträchtliches Vermögen.
Sehr viel tragischer verlief das Leben anderer Familienangehöriger, die zu Opfern der Nazi-Willkür wurden. Die Schauspielerin Jenny Utz, eine konvertierte Jüdin, wurde 1941 in ihrer Heimatstadt Wien in ein polnisches Ghetto deportiert, wo sie ermordet wurde. Ihr Mann Emil Utz war da schon lange tot. So musste er auch nicht mehr miterleben, wie sein einziger Sohn Emil Theodor ebenfalls in Wien in die Fänge der Gestapo geriet, weil er Juden zur Flucht verholfen hatte. Er kam nach Auschwitz und starb dort elendiglich.
Sibylle Peine, Journalistin und Historikerin
Mehr über die Familie Utz: Sibylle Peine: Pioniere, Diven, Hasardeure. Die schillernden badischen Unternehmerfamilien Thiergarten und Utz, tredition, Ahrensburg/Karlsruhe 2024