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Blick in die Geschichte Nr. 152

vom 18. September 2026

"Die Einigung der liberalen Parteien in Baden"

Die badische DDP in den Revolutionstagen 1918

von Johannes Niemesch

 

"Die Einigung der liberalen Parteien in Baden". So konnte die Badische Landeszeitung in ihrer Abendausgabe vom 13. Dezember 1918 titeln, nachdem der Zusammenschluss der seit den 1860er-Jahren in Baden zersplitterten liberalen Kräfte nach langwierigen Verhandlungen gelungen war. 
 

Die erste Fraktion der DDP im Badischen Landtag, Postkarte 1919

Ausgelöst hatte diese Einigung die Gründung der Deutschen Demokratischen Partei (DDP) am 18. November 1918 in Berlin, nachdem wenige Tage zuvor ein prominent unterstützter Aufruf zur Bildung einer neuen "demokratischen Partei für das einige Reich" im Berliner Tageblatt große Unterstützung im liberalen Bürgertum gefunden hatte. Dieses erhofft sich durch diese Parteigründung einen stärkeren Einfluss auf die revolutionären Entwicklungen.

Die erste liberale Kraft Badens, die sich nun dieser neuen Partei anschloss und somit deren vorläufigen badischen Landesverband bildete, war die linksliberale Fortschrittliche Volkspartei (FVP), die bereits am 25. November 1918 mit ihren insgesamt 123 Ortsvereinen offiziell in die DDP übertrat. Zwei Tage später begannen dann auch in Karlsruhe die ersten Beitrittsgespräche zwischen dem neu entstandenen Landesverband der DDP und der weiter rechts stehenden Nationalliberalen Partei (NLP), welche die zweite und weitaus stärkere liberale Kraft in Baden bildete. Es zeigte sich jedoch schnell, dass sich diese Verhandlungen als schwierig erwiesen, da zwar beide Seiten eine Verschmelzung für notwendig erachteten, um den Liberalismus in der herrschenden Umbruchszeit zu stärken, die NLP jedoch eine Abwanderung nach rechts und die DDP eine Abwanderung nach links im Falle einer Fusion befürchtete.

Zu einem ersten vollständigen Scheitern der Verhandlungen kam es dann schließlich am 30. November, als die DDP-Führung in den Gesprächen einen Gesamtübertritt der NLP in die DDP ablehnte und stattdessen auf einen Einzeleintritt der Mitglieder in die Partei bestand. Denn dies stellte für die NLP-Führung eine unannehmbare Forderung dar, da zu befürchten galt, dass durch diese Regelung unliebsamen Nationalliberalen, die sich während des Krieges annexionistisch, imperialistisch oder vaterlandsparteilich betätigt hatten, der Eintritt in die neue Partei verwehrt werden sollte. In diesem Sinne äußerte sich auch der Karlsruher Stadtrat Wilhelm Frey bei einer Versammlung der Nationalliberalen im Großen Saal der Karlsruher Traditionsbrauerei Schrempp, als er im Anschluss an die gescheiterten Verhandlungen verkündete, dass "das Ergebnis der amtlichen Verhandlungen zwischen den zwei alten liberalen Parteien Badens ein negatives" gewesen sei, weil die neue demokratische Partei keine "anderen Ideen und Ideenträger" dulde und daher "alle Personen, die mit Schuld belastet in die neue Zeit hineingehen", ausschließen wolle.

Nach dem Scheitern der Verhandlungen entschloss sich der engere Ausschuss der badischen NLP schließlich am 1. Dezember dazu, mit der Badischen Volkspartei (BVP) eine neue Partei zu gründen, der die NLP in ihrer Gesamtheit beitrat. Den Vorsitz in der neuen Partei übernahm nun nicht mehr der alte seit 1910 amtierende Vorsitzende Edmund Rebmann, sondern der jungliberale Hermann Dietrich. Diese Parteineugründung kann zum einen als eine Reaktion auf die Entwicklungen auf der Reichsebene gedeutet werden, denn auch hier hatten die NLP-Vorsitzenden Robert Friedberg und Gustav Stresemann mit der Deutschen Volkspartei (DVP) am 21. November eine neue nationalliberale Partei ausgerufen, nachdem auch dort die Beitrittsverhandlungen zwischen der DDP und der NLP gescheitert waren. Zum anderen lässt sich aber auch vermuten, dass die badische NLP-Führung mit der Parteineugründung zudem den Druck auf die DDP erhöhen wollte, um möglicherweise doch noch zu einer Verhandlungslösung im eigenen Sinne zu gelangen.

Dass diese Strategie erfolgreich war, zeigte sich dann am 7. Dezember in der ersten Sitzung des Landesausschusses der DDP in Offenburg, denn in dieser traten nicht nur der Vorsitzende Friedrich Weill und dessen Stellvertreter Gönner und Helbing, die für den bisherigen harten Kurs gegenüber der NLP in den Verhandlungen verantwortlich gewesen waren, von ihren Ämtern zurück, sondern es wurde auch mit dem neuen Vorsitzenden Hermann Hummel und dessen Stellvertretern Ludwig Haas und Oskar Muser eine neue Führung bestimmt, die sich für eine Wiederaufnahme der Verhandlungen aussprach.

Hermann Hummel (1876-1952)

In diesen Verhandlungen konnten sich die Parteiführer schließlich am 10. Dezember auf einen Übertritt der gerade gegründeten BVP zur DDP einigen, der nach der Zustimmung des engeren Ausschusses der BVP am 13. Dezember offiziell vollzogen wurde. Entscheidend für den Erfolg der zweiten Verhandlungsrunde war, dass die neue DDP-Führung den Nationalliberalen in den Verhandlungen deutlich entgegenkam, indem sie auf die bisherige Forderung des Einzelbeitrittes verzichtete und einer Gesamtüberführung der BVP in die DDP zustimmte. Konkret hatte die Einigung zur Folge, dass die Ortsverbände der DDP alle bisherigen Mitglieder der BVP übernahmen und neue Vorstände bildeten, in denen auch die neuen Mitglieder repräsentiert waren.

Die vorläufige Führung der Partei übernahm bis zum ersten offiziellen Landesparteitag, der am 30. März 1919 in der Festhalle in Karlsruhe stattfand, ein sechsköpfiger Vollzugsauschuss, der sich zu gleichen Teilen aus ehemaligen FVP-Mitgliedern und ehemaligen NLP bzw. BVP- Mitgliedern zusammensetzte. Den Vorsitz in diesem Vollzugsauschuss besaß Hermann Hummel, der somit auch als vorläufiger Parteivorsitzender der badischen DDP agierte.

Durch diese Einigung war in Baden eine schlagkräftige liberale Partei mit rund 49.000 Mitgliedern entstanden, die sich schnell zu einem politischen Schwergewicht in der jungen Republik Baden entwickelte. Bei den Landtagswahlen am 5. Januar 1919 wurde die DDP mit einem Stimmenanteil von 22,8% drittstärkste Kraft und konnte mit insgesamt 25 Abgeordneten in den Badischen Landtag einziehen. Im Wahlkreis Mannheim erzielte die Partei mit 24,81% ihr bestes Wahlergebnis, im Wahlkreis Karlsruhe schnitt sie hingegen mit einem Stimmenanteil von lediglich 20,1% am schlechtesten ab. Zudem war die Partei nicht nur an der Vorläufigen Volksregierung beteiligt, sondern besetzte auch in der ersten ordentlichen Landesregierung, die am 2. April 1919 vom Badischen Landtag eingesetzt wurde, sowohl das Außenministerium als auch das Kultusministerium.

Andererseits zeigte sich aber auch, dass der Zusammenschluss die Partei zunehmend vor eine interne Zerreißprobe stellte. Denn bereits kurz nach der Gründung hatte sich sowohl ein fortschrittlich dominierter linker Parteiflügel als auch ein nationalliberal geprägter rechter Parteiflügel gebildet, die miteinander um die Vormachtstellung konkurrierten. Diese Richtungskämpfe reichten bis in die Führungsgremien und belasteten die Partei nachhaltig. Diese Spannungen erkannte auch bereits Hermann Hummel, der das Amt des Parteivorsitzenden daher nur mit großen Bedenken übernahm. Zu diesen parteiinternen Gegensätzen stellte er in seinen Erinnerungen fest:

"Wie die Deutsche demokratische Partei des Reichs trug auch die Badische den Krankheitskeim von vorneherein im Körper […]. Auf der einen Seite hatten sich verschmähte Sozialisten, auf der anderen kleinliche Antidemokraten in die Partei geflüchtet, ein Gegensatz, der bis in die Führung spielte, so dass […] eine innere Reibung in der Partei vorhanden war, welche sie zum Spielball der anderen machte."

Diese inneren Reibungen waren wohl auch eine Ursache dafür, dass die Partei, trotz ihrer guten Ausgangsposition, in den Folgejahren nicht an ihre Anfangserfolge anknüpfen konnte, sondern einen sukzessiven Niedergang erlebte, der sich insbesondere in stetig sinkenden Mitgliederzahlen und Wahlergebnissen widerspiegelte und im Jahre 1930 schließlich die Auflösung in der Deutschen Staatspartei (DStP) zur Folge hatte.

Trotz dieser negativen Entwicklung blieb die DDP jedoch in den 1920er-Jahren ein zentraler Akteur in der badischen Landespolitik, der bis auf kurze Ausnahmen Teil der Regierungskoalition mit SPD und Zentrum war. Sie konnte als liberale Stimme entscheidend zur Stabilisierung der Republik beitragen.

Johannes Niemesch M.A., Historiker

 

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