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Blick in die Geschichte Nr. 152

vom 18. September 2026

Langfassung

Ein kommunalwirtschaftliches und sozialpolitisches Erfolgsmodell

Die Gasversorgung der Stadt Karlsruhe im späten 19. Jahrhundert

von Bernhard Stier

Am 1. Mai 1869 übernahm die Stadt Karlsruhe das 1846 eröffnete Gaswerk am Mühlburger Tor von der Betreiberfirma Spreng & Puricelli. Dem waren heftige Auseinandersetzungen über den Gaspreis und eine Kampagne gegen die ‚Ausbeutung' der Verbraucher durch private Unternehmer vorausgegangen. Auf den Erfahrungen aus diesem Konflikt aufbauend, entwickelten städtische Gremien und Werksleitung eine kundenorientierte Gaspolitik - ihre Grundlinien: Rationalisierung des Betriebs und Nutzung von Skaleneffekten in der Produktion, Absatzsteigerung und Gewinnung neuer Konsumentengrup-pen durch günstige Preise. Damit sollten die Vorteile des Gaslichts allen Bevölkerungsschichten zugänglich gemacht werden. Außerdem wurden im Lauf der Jahre neben der Beleuchtung von Straßen, öffentlichen Einrichtungen und privaten Haushalten neue An-wendungen für das aus der Steinkohle gewonnene Gas entwickelt, vor allem im Bereich der Wärmeerzeugung.

Ansicht des Gaswerks am Mühlburger Tor, frühe 1870er Jahre. Einer der vier Gasbehälter (im Vordergrund rechts) ist gefüllt, die anderen sind leer

Verbraucherorientierte Gaspolitik: Preissenkung und Produktionsausweitung

Die erste Maßnahme bildete eine Preissenkung um 40% auf 18 Pfennig je Kubikmeter und der Verzicht auf die Zählermiete bzw. Grundgebühr. Dadurch stieg die Gasabgabe bereits im ersten Betriebsjahr unter städtischer Regie um gut ein Drittel auf beinahe 1,1 Mio. Kubikmeter, die Zahl der Kunden sogar von 1.000 auf über 2.500. Der anfängliche Einnahmeausfall aus der Tarifermäßigung wurde so mehr als kompensiert. Bereits im Betriebsjahr 1875/76 fiel bei einer Gaserzeugung (inkl. Selbstverbrauch und Verlusten) von 2,4 Mio. Kubikmetern ein Reingewinn von 100.000 Mark für die Stadt an; das entsprach einer Rendite von ca. 9% auf das investierte Kapital von 1,1 Mio. Mark.
 

Stadtplan von Karlsruhe 1886 mit den beiden Gaswerken am Mühlburger Tor und in der Oststadt

Eine führende Rolle dabei spielte der erste städtische "Gasdirektor" Conrad Lang (1827-1881). Er hatte 1864 als Angestellter von Spreng & Puricelli die Leitung des Werks übernommen. Obwohl er in der Kontroverse um den Gaspreis öffentlich und mit wenig Zurückhaltung für seinen Arbeitgeber Stellung nahm - und damit auch den Ärger der lokalen Presse auf sich zog -, beließ ihn die Stadtverwaltung in dieser Position. Und wie sich zeigen sollte, war das ein Glücksgriff: Denn Lang, der das erforderliche technische und kaufmännische Wissen besaß, wandelte sich zu einem engagierten Verfechter des Kommunalprinzips. Er trug maßgeblich dazu bei, das städtische Gaswerk zu einem effizienten Unternehmen zu entwickeln. Sein Mitarbeiter und Nachfolger Franz Karl Reichard (1842-1923) setzte diese Linie fort. Er war einer der Pioniere, als es darum ging, das Gas zur Wärmeerzeugung - zum Kochen und Heizen sowie für die Warmwasserbereitung - zu verwenden.

 

"Gas-Schulofen" und "Gas-Badeofen" - Heizen mit Gas als Teil der "Stadthygiene"

1897 hielt der "Deutsche Verein für öffentliche Gesundheitspflege" in der badischen Landeshauptstadt seine Jahresversammlung ab; aus diesem Anlass präsentierte ein "Hygienischer Führer durch die Haupt- und Residenzstadt Karlsruhe" unter anderem den vorbildlichen Stand bei der Beheizung der städtischen Schulen: Zusammen mit Heinrich Meidinger (1831-1905), dem Leiter der staatlichen Gewerbeförderung, hatte Reichard den "Karlsruher Gas-Schulofen" als ideale Heizung für Unterrichts- und andere Räume mit stundenweisem Betrieb entwickelt. Der Ofen nutzte die Energie des Brennstoffs effizient aus und ersparte die zentrale Heizungsanlage. Er erforderte kein Vorheizen, war einfach zu bedienen - und gegen Kinderstreiche gesichert. Seit 1888 wurden alle neu erbauten Karlsruher Schulen damit ausgestattet. Dasselbe galt für den ebenfalls von Reichard und Meidinger erfundenen "Gas-Badeofen" für die Schulbäder. Im Schuljahr 1895/96 verabreichten die Karlsruher Schulen 42.396 "Brausebäder" zu Selbstkosten von 5,8 Pfennig je Dusche.

 

Neubau des "Gaswerks II" in der Oststadt

Die Verwendung von Gas zur Erzeugung von Wärme (anstelle von Kohle) und Antriebskraft (mit dem Gasmotor anstelle der Dampfmaschine und des kohlenbefeuerten Kessels) leistete einen wichtigen Beitrag zur Luftreinhaltung und damit zur Hygiene im Stadtgebiet. Die "Errichtung einer ständigen Ausstellung mit Verkaufstelle von guten Apparaten" für diese Zwecke, vor allem aber vergünstigte Tarife sollten zur stärkeren Verwendung anregen: Seit 1885/89 war Heiz-, Koch- und Motorengas mit 12 Pfennig je Kubikmeter ein Drittel billiger als Gas zur Beleuchtung. Die Zunahme dieser Verbrauchsart - 1896 machte sie bereits 31%, 1905 51% des Gesamtkonsums aus - verbesserte zugleich die Lastkurve des Gaswerks und brachte so auch betriebswirtschaftliche Vorteile.
 

Arbeit im Gaswerk, Ort und Datum unbekannt, ca. 1880er Jahre

Der phasenweise um mehr als zehn Prozent pro Jahr steigende Verbrauch machte immer wieder Erweiterungen erforderlich. Sie erfolgten zunächst (1871/73) an Ort und Stelle - gegen Einsprüche von privaten Anliegern und einer benachbarten Brauerei, welche die Verschmutzung von Luft und Grundwasser befürchteten. Aber der Standort war auf Dauer zu beengt, und zudem zeichnete sich ab, dass hier ein neuer Stadtteil mit Wohnbebauung entstehen würde. 1884/86 erfolgte deshalb der Bau eines zweiten Gaswerks im Osten zwischen städtischem Schlachthof und Bahnhof. Die Anlage war zunächst als Ergänzung gedacht, übernahm aber immer mehr die Funktion des Hauptbetriebs, weil sie deutlich rationeller arbeitete. Bereits 1888 war sie voll ausgelastet und musste von da an ständig vergrößert werden. Das alte Werk blieb weiterhin in Betrieb, vor allem zur Abdeckung der winterlichen Verbrauchsspitzen. Erst 1917 wurde es stillgelegt.

 

Gas für den Arbeiterhaushalt - der "Gasautomat"

Im privaten Haushalt war das Gas zunächst nur bei den höheren Schichten verbreitet. Laut Wohnungsstatistik benutzten es um die Mitte der 1890er Jahre in der teuersten Mietpreisklasse 90% der Haushalte, in der niedrigsten dagegen weniger als ein Prozent; hier wurde mit Petroleum beleuchtet und mit Kohle, später auch mit Koks gekocht und geheizt. "Da aber", so Direktor Reichard 1897, "gerade bei der Arbeiterbevölkerung die Verwendung des Gases zur Speisebereitung von hygienischer Bedeutung werden kann, indem durch die leichte Bereitung von warmen Speisen und Getränken eine zweckmässige Ernährung und eine Verminderung des Branntweingenusses erzielt werden kann", definierten Gaswerk und städtische Gremien die ‚Gasifizierung' des Unterschichthaushalts als wichtige sozialpolitische Aufgabe.

Das Instrument dazu war der 1898 für solche Haushalte eingeführte "Gasautomat". Zu diesem Münzzähler, der nach Einwurf eines 10 Pfennig-Stücks die Entnahme der entsprechenden Menge Gas freigab, wurden den Kunden Gasleuchten und "Gaskoch-Apparat" kostenlos zur Verfügung gestellt. Diese Gaskoch-Apparate und später auch Gasherde lieferte das Karlsruher Unternehmen Junker & Ruh. Den Kunden kam der Gasautomat durch die kleingestückelte Bezahlweise entgegen. Er machte den Verbrauch kontrollierbar und nahm die Angst vor der Gasrechnung. Auf längere Sicht diente er damit als Türöffner und regte auch die kleinen Leute dazu an, Gas umfassender zu verwenden.
 

Werbeannonce für "Gaskochapparate" der Fa. Junker & Ruh

Gasversorgung als Sozialpolitik - auch die städtischen Finanzen profitieren

Bis 1911 stieg die Anschlussquote der Haushalte in Karlsruhe auf 75%. "Das Leuchtgas", so 1912 eine volkswirtschaftliche Dissertation über die städtischen Betriebe der Landeshauptstadt, "ist heutzutage ja kein Luxusartikel mehr, sondern wird auch für die ärmeren Schichten der Bevölkerung immer mehr zu einem wirklichen Bedürfnis." Der technologische Fortschritt und die vom Gaswerk mustergültig umgesetzten "Economies of Scale" halfen, dieses Bedürfnis zu decken: Bei einer von 1,2 auf 15,5 Mio. Kubikmeter gesteigerten jährlichen Erzeugung sank der Gaspreis zwischen 1870 und 1910 real, d.h. unter Berücksichtigung der Lohnentwicklung, um 60%. Hinzu kam bei der Beleuchtung eine Verfünffachung der Lichtausbeute durch das 1885 erfundene Auersche Gasglühlicht, so dass diese sogar um mehr als 90% billiger wurde. Diese Sozialpolitik per Gasversorgung war zugleich wirtschaftlich höchst erfolgreich, denn trotz günstiger Gaspreise lieferte das Gaswerk verlässlich hohe Betriebsüberschüsse an den städtischen Haushalt; 1909 waren es mit knapp 740.000 Mark ca. elf Prozent der gesamten städtischen Einnahmen. Auch wenn davon Zinsen und Abschreibung auf das im Werk investierte Kapital bezahlt werden mussten, blieb ein Reingewinn aus der Gasversorgung von 550.000 Mark.

Prof. Dr. Bernhard Stier, Universität Koblenz, Institut für Geschichte

Literatur

Baumeister, Reinhard (Hg.): Hygienischer Führer durch die Haupt- und Residenzstadt Karlsruhe. Festschrift zur XXII. Versammlung des deutschen Vereins für öffentliche Gesundheitspflege, Karlsruhe 1897 | online: https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:bsz:31-51180

Blum, Albert: Gemeindebetriebe der Haupt- und Residenzstadt Karlsruhe i.B. und deren Beamten- und Arbeiterschaft, Karlsruhe 1912 | online: https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:bsz:31-51191

Fäsch-Kußmaul, Lydia: Kochbuch für die Gasküche mit besonderer Berücksichtigung der Gaskoch-Apparate der Fa. Junker & Ruh, Karlsruhe 1901 | online: https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:bsz:31-56227

Journal für Gasbeleuchtung und verwandte Beleuchtungsarten 12 (1869) ff.

Koch, Manfred: Karlsruhe - Gasstadt der Frühzeit, in: Blick in die Geschichte. Karlsruher stadthistorische Beiträge. Bd. 5: 2008 - 2013, Karlsruhe 2013, S. 123- 127.

Stier, Bernhard: Leuchtgas aus Steinkohle. Entstehung und Entwicklung der Gasindustrie in Baden 1845 - 1914, in: Zeitschrift für die Geschichte des Oberrheins 171 (2023/24), S. 263-298.

(Online-Zugriffe am 8. Oktober 2026)
 

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