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Blick in die Geschichte Nr. 152

vom 18. September 2026

Unbekannte NS-Geschichte

Bauernführerschule im Schloss Scheibenhardt 1933-1945

von Marcel van Eeden

 

Seit 2014 bin ich Professor an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe und derzeit zugleich deren Rektor. Ein großer Teil unserer Studierendenateliers befindet sich in der Reinhold-Frank-Straße und ihrer Umgebung; seit 1968 nutzt die Akademie jedoch auch Ateliers im Schloss Scheibenhardt. Das ehemalige Jagdschloss am südwestlichen Rand Karlsruhes entstand im frühen 18. Jahrhundert und diente wiederholt Mitgliedern des badischen Fürstenhauses.

Gerade deshalb interessierte mich die Geschichte dieses spätbarocken Gebäudes. Bei einer oberflächlichen Online-Recherche oder in Publikationen über die Umgebung findet man viel über die Baugeschichte und die adeligen Auftraggeber, aber vergleichsweise wenig über die Zeit des Nationalsozialismus zwischen 1933 und 1945. Dabei fand das Regime rasch eine Nutzung für den repräsentativen Ort. Die Recherche in den digitalisierten Zeitungsbeständen des Stadtarchivs Karlsruhe in der Badischen Landesbibliothek und des Landesarchivs Baden-Württemberg erwies sich als ausgesprochen ergiebig. Eine Suche nach "Schloss Scheibenhardt" führte zu zahlreichen Hinweisen auf eine sogenannte Bauernführerschule, die dort in den folgenden Jahren tätig war.
 

Wegweiser zur Führerschule Scheibenhardt für ehrenamtliche Bauernführer, Foto 1938

Die Bauernführerschule

Unter dem Agrarpolitiker und SS-Obergruppenführer Walther Darré, dem "Reichsbauernführer", wurde die deutsche Landwirtschaft im Sinne der NS-Ideologie von "Blut und Boden" umfassend reorganisiert. Der 1933 gegründete Reichsnährstand vereinigte Landwirtschaft, Fischerei, Jagd und Gartenbau zwangsweise und sollte Produktion, Vertrieb und Preise landwirtschaftlicher Erzeugnisse kontrollieren. Im Hinblick auf die angestrebte Autarkie und die Kriegsvorbereitung erhielt die Steigerung der landwirtschaftlichen Produktion eine große Bedeutung. Zugleich sollte die Bauernschaft politisch und weltanschaulich im Sinne des Nationalsozialismus formiert werden.

Die Bauernführerschule war daher keine landwirtschaftliche Ausbildungsstätte im praktischen Sinne, sondern eine politisch-theoretische Schulungseinrichtung zur ideologischen Indoktrination bäuerlicher Funktionäre. Während des Nationalsozialismus stand der Ortsbauernführer an der Spitze der kleinsten Verwaltungseinheit innerhalb des Reichsnährstands. Mehrere Ortsbauernschaften bildeten eine Kreisbauernschaft, darüber standen die Landesbauernschaften. Die Ortsbauernschaften hatten unmittelbaren Kontakt zu den einzelnen Mitgliedern und sollten sie nicht nur organisatorisch betreuen, sondern auch politisch und ideologisch beeinflussen.

Die Eröffnung des neuen Instituts fand am 19. Mai 1935 in Anwesenheit des badischen Reichsstatthalters und Gauleiters Robert Wagner statt. Zuvor war dort ein vom Badischen Frauenverein vom Roten Kreuz unterhaltenes Asyl- und Erholungsheim untergebracht. Dass die Nationalsozialisten diese Einrichtung ernst nahmen, zeigt sich auch an der Auswahl der Referenten für die mehrtägigen Lehrgänge: ein Kurs für Schulungsleiter-Anwärter vom 24. Februar bis zum 2. März 1935 umfasste unter anderem Vorträge von August Hirt, Ludwig Ferdinand Clauß, Wilhelm Weygandt und Erich Spaarmann. Die Schulungsleiter sollten später ihrerseits Ortsbauernführer unterrichten. Die Referentenliste zeigt deutlich, welchen Stellenwert Rassismus, Antisemitismus und "Rassenhygiene" in dieser Ausbildung hatten.
 

Vorträge

August Hirt sprach über "Allgemeine Rassenfragen und Rassenmerkmale". Der Anatom und SS-Hauptsturmführer war später Direktor des Anatomischen Instituts der Reichsuniversität Straßburg. Dort plante er eine sogenannte "jüdische Schädelsammlung", die der pseudowissenschaftlichen Absicherung der antisemitischen Rassenideologie dienen sollte. Hirt ließ in Auschwitz 115 Gefangene auswählen; 86 jüdische Frauen und Männer wurden anschließend im Konzentrationslager Natzweiler-Struthof ermordet. Ihre Leichen waren für seine Sammlung in Straßburg vorgesehen.

Ludwig Ferdinand Clauß referierte über "Rasse und Seele". Er war ein bekannter Rassentheoretiker, der in zahlreichen Veröffentlichungen vermeintliche psychische und körperliche Eigenschaften unterschiedlicher "Rassen" konstruierte und damit zur pseudowissenschaftlichen Untermauerung rassistischer Vorstellungen beitrug.

Erich Spaarmann hielt als Leiter des Lehrgangs den Einführungsvortrag "Allgemeine Einführung in das Wesen der Schulung". Bis 1936 war er Rasse- und Siedlungsführer beim SS-Oberabschnitt Südwest in Stuttgart und dürfte aufgrund dieser Funktion für den Kurs in Scheibenhardt zuständig gewesen sein. 1939 war er im besetzten Polen tätig; dort waren SS- und Selbstschutzformationen an der Verfolgung und Ermordung der polnischen und jüdischen Bevölkerung beteiligt.

Wilhelm Weygandt sprach über "Das Judentum unter besonderer Berücksichtigung der Zeit nach 1800". Der Hamburger Psychiater vertrat rassenhygienische Positionen und befürwortete Zwangssterilisationen sowie die Tötung von Menschen, die er als "erblich minderwertig" stigmatisierte. Fotografien von Patientinnen und Patienten seiner Anstalt wurden in Paul Schultze-Naumburgs Propagandaschrift Kunst und Rasse verwendet, die Menschen mit Behinderungen ebenso wie moderne Kunst diffamierte.

Zusammengenommen verdeutlicht diese Referentenliste, dass im Schloss Scheibenhardt keineswegs nur agrarpolitische Fortbildung stattfand. Die Bauernführerschule war vielmehr Teil eines Systems weltanschaulicher Schulung, in dem die ideologische Legitimation nationalsozialistischer Gewaltpolitik vermittelt wurde.

 

Lehrgänge und Tagungen

In den ersten Jahren der NS-Herrschaft fanden dort zahlreiche Tagungen und Kurse statt. Dazu gehörten am 1. Juni 1934 ein Lehrgang für Richter der Anerbengerichte, am 25. Juni 1934 eine Vorführung des Films Blut und Boden, im November und Dezember 1934 fünf mehrtägige Lehrgänge im Zusammenhang mit der "Erzeugungsschlacht", im März 1935 eine Schulung für Kreisbauernführer sowie im Dezember 1935 eine Arbeitstagung der Landesbauernschaft Baden.

Das Schloss Scheibenhardt diente jedoch nicht ausschließlich der Bauernführerschule. Auch die SS nutzte das Gebäude: Der SS-Abschnitt XIX hielt dort am 5. März sowie am 21. und 22. August 1937 Schulungstage ab. Bei mehrtägigen Lehrgängen konnten die Teilnehmer im Schloss übernachten. Es gab Schlafsäle und eine Kantine, die von Max und Berta Ruh betrieben wurde. In einem Schreiben aus seiner Personalakte beklagte sich Max Ruh darüber, dass die Teilnehmer abends lange in der Kantine blieben und er deshalb bis tief in die Nacht arbeiten müsse; er beantragte daraufhin eine Gehaltserhöhung.

 

Speisesaal, Postkarte um 1935

Mit dem Beginn des Zweiten Weltkrieges nahm die Zahl der theoretischen Zusammenkünfte ab. Die ideologische Schulung verlor gegenüber den unmittelbaren Anforderungen der Kriegswirtschaft an Gewicht. Immer mehr Männer wurden zur Wehrmacht eingezogen, darunter 1942 auch Max Ruh. Zugleich richteten sich zunehmend Kurse an Frauen: Im Dezember 1940 fand ein Lehrgang für Leiterinnen der Arbeitsgemeinschaften über Trachtenanfertigung, Stricken und Schneidern statt; vom 10. bis zum 16. Juni 1940 eine Berufserziehungswoche für Buchhalterinnen; vom 31. Mai bis zum 8. Juni 1942 ein Kurs für Apothekerhelferinnen; im Juni 1943 schließlich ein Ausbildungskurs für Bauernmädel. Möglicherweise führte Berta Ruh die Kantine weiter. Nach 1943 ließen sich in den bislang ausgewerteten Zeitungen und Archivalien jedoch keine weiteren Hinweise auf Lehrgänge im Schloss Scheibenhardt finden.

Marcel van Eeden, Zeichner und Fotograph, Rektor der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe.

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