Menü
eService
Suche

Blick in die Geschichte Nr. 147

vom 27. Juni 2025

Unbekannte Industriegeschichte

Ein Zweigwerk der Majolika-Manufaktur in Grünwinkel

von Gerhard Strack

 

Im Zuge der Industrialisierung platzte die Residenzstadt Karlsruhe Ende des 19. Jahrhunderts aus allen Nähten, so dass bis 1910 fünf Eingemeindungen umliegender Ortschaften, darunter 1909 Grünwinkel, erfolgten. Weichen mussten nun auch viele innerstädtische Industrieunternehmen. Zu groß wurden die Probleme inmitten dichter Wohngebiete. Viele Betriebe folgten dabei den "Gleisen des Fortschritts", wie die neuen Eisenbahnlinien auch genannt wurden. So entstand u. a. das Industriegebiet im Bannwald-Bezirk. Es lag an der Maxaubahn und um den Güterbahnhof, heute Westbahnhof, der 1895 fertiggestellt wurde. Zusammen mit der linksrheinischen Bahnlinie von Winden an den Rhein stellte die Maxaubahn eine für die Kohlelieferungen wichtige Verbindung an die Saar her.

 

Friedrich Geisendörfer verlagert seine Ofen- und Tonwarenfabrik an den Westbahnhof

Eine dieser ausgelagerten Fabriken war die "Hof-Ofenfabrik und Kunsttöpferei Friedrich Geisendörfer, Eduard Mayer's Nachfolger".  Am 21. April 1903 stimmte der Karlsruher Bürgerausschuss dem Verkauf des städtischen Grundstücks an der Ecke Lohn- und Griesbachstraße an Friedrich Geisendörfer zu. Der Großherzogliche Hoflieferant - einer von seinerzeit 26 privilegierten Produzenten in der Stadt - verlagerte damit seinen Betrieb aus der Erbprinzenstraße 8. Friedrich Geisendörfer war auf dem Höhepunkt seines Unternehmertums. Drei Jahre später, die Produktion wie auch die Verwaltung waren umgezogen, überschrieb er das Geschäft an seine beiden Söhne, Friedrich Wilhelm und Wilhelm.
 

Erweiterungsplan 1904

Die Fabrik entsteht

Am 27. September 1904 erteilte das Großherzogliche Bezirksamt die Baugenehmigung. Zunächst wurde die dreistöckige Fabrikhalle entlang der Lohnstraße, der heutigen Benzstraße gebaut (dunkelgrau gefärbt). Sie weist bereits den Winkelansatz entlang des Buchenweges auf, der heute die Griesbachstraße darstellt. Das dreistöckige Magazingebäude sollte erst später realisiert werden. Von der sogenannten Brennküche wurden die beiden Muffelbrennöfen zum Hof hin befeuert. Die Baugenehmigung zur Errichtung und Inbetriebnahme einer Tonofenfabrik auf dem Anwesen von Friedrich Geisendörfer, Ofenfabrikant, Ecke Griesbach- und Lohnstraße, vom 27. September 1904 ist bei den Forderungen zum Gesundheitsschutz der in der Fabrik beschäftigten Mitarbeiter und der Berücksichtigung der Nachbarschaftsinteressen sehr bemerkenswert. Bezüglich der Arbeitssicherheit sind die Vorgaben kurz und prägnant. Sie zeigen einen Stand, der den heutigen, sehr umfangreichen Vorgaben im Grundsatz nahekommt.

Renovierung des Hauses am Buchenweg, Foto 2023

Niedergang des vormals erfolgreichen Unternehmens

Mit dem Umzug der Büros in die neuen Räume am Buchenweg 3 Anfang Juli 1907 war die Verlagerung der Fabrik aus der Erbprinzenstraße 8 abgeschlossen. Obwohl Friedrich Geisendörfer seine Fabrik bereits im April 1906 an seine Söhne übertragen hatte, wirkte er in der Geschäftsführung noch geraume Zeit mit. Die Verkäufe von Immobilien lassen vermuten, dass die Geschäftsentwicklung nicht in der gleichen Dynamik fortgesetzt werden konnte. Verkaufsanzeigen wurden Anfang der 1910-er Jahre seltener und auch kleiner. Räume in der Fabrik wurden vermietet, für Verkaufsausstellungen, Materialiendepot und die Gasapparate-Fabrik Oskar Dilger.

Ob der Niedergang an der neuen Unternehmensleitung lag? Der Volksfreund, die Parteizeitung der SPD, berichtet am 3. Februar 1906 von einem Streit eines Maurers und weiterer Genossen mit der Firma Geisendörfer. Vor dem Gewerbegericht kam es zu einem Vergleich, auch weil Herr Geisendörfer sen. auf Antrag der Kläger zugeladen und persönlich erschienen war. Der Volksfreund spricht davon, dass die offenen Worte des alten Herrn, die in einem seltsamen Kontrast zu dem hochfahrenden Wesen seines Sohnes standen, rasch den Weg zum Vergleich bahnten. "Der Vater weiß eben aus eigener Erfahrung, was führen heißt, der Sohn ist ans Kommandieren gewöhnt, hat es aber anscheinend noch nicht zu einem geschickten und umsichtigen Kommandeur gebracht", so der Volksfreund. Es sollte in der Folge nicht die einzige Erwähnung der Firma Geisendörfer im Volksfreund bleiben.

Das in der Stadtgesellschaft hochangesehene Ehepaar Friedrich und Maria Geisendörfer war 1910 in die Weltzienstraße 27 umgezogen, wo Friedrich Geisendörfer am 26. August 1919 im 81. Lebensjahr verstarb.

 

Die Staatliche Majolika-Manufaktur Karlsruhe expandiert

In einer Sammelanzeige des Handwerks im Karlsruher Tagblatt Ende November 1919 ist erstmals die Rede von der 1901 im Ahaweg gegründeten Karlsruher Kunst-Keramischen Manufaktur GmbH als Anbieter von Kachelöfen im Buchenweg 3. Im Badischen Gesetz über die Majolikamanufaktur vom 22. März 1922 wurde das Finanzministerium ermächtigt, bei der Gründung einer zum Betrieb der Majolikamanufaktur in Karlsruhe zu errichtenden Aktiengesellschaft 35% Anteile des mit drei Millionen Mark vorgesehenen Grundkapitals zu übernehmen. In der Begründung wird der Kauf des Werkes im Bannwaldgebiet von den Kunstkeramischen Werken Dr. Reimar Baer GmbH in Karlsruhe erwähnt. Baer hatte die Firma 1921 übernommen, verstarb aber noch in demselben Jahr. Weiter geht aus der Begründung hervor, dass in diesem Zweigwerk vier Öfen im Betrieb waren, mit denen vorwiegend Baukeramik, dezidiert Ofenkacheln, und Gänseleberterrinen hergestellt wurden.

Durch entscheidende Änderungen des Produktionsprogrammes und der Fertigungs-technik begann nun der rasche Aufstieg des Werkes II. Die Fertigung erfolgte in Akkordarbeit, bei der in kleinste Arbeitsschritte unterteilt wurde. Die künstlerische Qualität litt dabei nicht. Da die Verbindung zu fremden Künstlerinnen und Künstlern, auswärtigen Akademien und Kunstgewerbeschulen jetzt immer enger wurden, konnte sich die Manufaktur hervorragende Künstlerpersönlichkeiten zur Mitarbeit verpflichten. Drei Meisterateliers wurden eingerichtet, die künstlerische Entwürfe und industrielle Fertigung miteinander verbinden sollten. Die Leiter dieser Ateliers, Max Laeuger, Ludwig König und Paul Speck prägten in den folgenden Jahren die künstlerische Produktion der Majolika und trugen zur Bedeutung des Unternehmens bei. Max Laeuger gilt heute noch als einer der besten deutschen Keramiker. Gleichzeitig kam der Baukeramik eine entscheidendere, eine richtungsweisendere Bedeutung zu.

 

Schwierige wirtschaftliche Lage

Die allgemein schlechte konjunkturelle Entwicklung brachte es mit sich, dass das Unternehmen in Staatsbesitz übernommen wurde, um einen Zusammenbruch der Be-triebsgesellschaft zu vermeiden. Seit 1927 firmierte es als "Staatliche Majolika-Manufaktur Karlsruhe AG". Diese versuchte Ende der 1920er Jahre den immer größer werdenden wirtschaftlichen Schwierigkeiten durch mehrere Maßnahmen zu begegnen. So wurde das gerade eingetauschte Baugelände an die Stadt zurückverkauft und auch die teuren Meisterateliers wurden aufgelöst. Anfang 1929 folgte die Einstellung der Baukeramik. Noch im August 1928 wurde im Aufsichtsrat darüber nachgedacht, das Werk II zur alleinigen Produktionsstätte auszubauen, "es hat immer zur vollen Beschäftigung im Werk II ausgereicht", steht in einem Protokoll des Aufsichtsrats vom 13. August 1928. Knapp zwei Jahre später, am 26. Juli 1930, nehmen die Gesellschafter in ihrer Hauptversammlung im Bericht des Vorstands zur Kenntnis: "Die stillgelegte Fabrik am Buchenweg konnte mit einem Buchgewinn abgestossen werden." Warum das Werk schließlich doch aufgegeben wurde, kann (noch) nicht nachvollzogen werden. Vielleicht hat der Wechsel im Vorstand des Unternehmens im November 1928 seinen Teil dazu beigetragen. Der bisherige technische Leiter Wolfgang Müller von Baczko wurde vom Aufsichtsrat zum alleinigen Vorstand ernannt.

Neue Besitzerin wurde die Firma Dittmar & Co. mit Sitz in der Karlstraße 60. Sie vertrieb Maschinen und Bedarfsartikel für die Getränkeindustrie und unter dem Namen EISFINK Kühlanlagen, Kühlschränke, Eisschränke und Bierausschank-Einrichtungen.

Gerhard Strack, Stadtdirektor a. D., Vorsitzender Geschichtskreis Grünwinkel

-

Kopieren Kopieren Schreiben Schreiben