vom 27. Juni 2025
von Katharina Siefert
Vor dem Haus Fasanenstraße 8 in Karlsruhe am Fasanenplatz sind drei Stolpersteine in den Boden eingelassen. Sie erinnern an die aufgrund ihres jüdischen Glaubens verfolgten einstigen Bewohner dieses Hauses. Die Messingtafeln benennen Aron Seidenberg, geboren 1880, Ruth Taube Seidenberg, geboren 1919, und Chana Seidenberg, geborene Rosenzweig, Jahrgang 1887, mutmaßlich also Vater, Tochter und Mutter. Während Aron in der sogenannten "Polenaktion" schon 1938 abgeschoben wurde, mussten Ruth und Chana das Deutsche Reich zwangsweise 1939 verlassen; die Sterbedaten fehlen.
Manch' Karlsruher Bürger, der sich insbesondere für jüdische Geschichte interessiert, wird sich bei dieser Adresse an Kurt Witzenbachers Buch "Kaddisch für Ruth" (1996) erinnern. Hier am Fasanenplatz spielt die Geschichte einer Kinderfreundschaft zwischen dem Knaben Kurt und dem Mädchen Ruth, das hier mit seinen Eltern im Haus des Urgroßvaters von Kurt, dem Schuhmachermeister Louis Bienstock, lebt. Witzenbacher (1931-2013; Pädagoge, Mitbegründer der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit in Karlsruhe) beschreibt als auktorialer Ich-Erzähler den Einzug der jüdischen Familie Rosenberg [sic!] im Jahr 1937 in die gegenüberliegende Wohnung. Kurt freundet sich mit dem zwei Jahre älteren Mädchen an und erfährt durch ihre Familie von jüdischen Gepflogenheiten und Riten. Gleichzeitig erlebt Kurt das Erstarken der nationalsozialistischen Ideologie und die zunehmende Diskriminierung und Entrechtung der jüdischen Nachbarn, die im Jahr 1938 in deren Deportation gipfelt. Im Prolog des Buches berichtet der "alte" Witzenbacher, dass er die Erinnerung an seine Jugendfreundin erhalten möchte, mithin ein "Kaddisch" für sie sprechen, denn 1988 hatte er erfahren, dass Ruth im Konzentrationslager umgekommen war. In seiner schlichten Ausdruckweise, dem Erleben des jungen Kurt entsprechend, beschreibt Witzenbacher die dramatische Entwicklung des Nationalsozialismus am Beispiel der jäh beendeten Kinderfreundschaft, der er erst mit über 60 Jahren Ausdruck geben kann.
Jenseits der berührenden Darstellung fällt auf, dass der Knabe Kurt den Lesenden fast lehrbuchhaft durch das jüdische Jahr führt - hatte Kurts Familie wirklich den Sabbat mit der Familie Rosenberg begangen und begleitete Kurt tatsächlich Ruths Vater in die Synagoge? Hier vermittelt wohl der Pädagoge Witzenbacher jüdische Lebenswelten und er entscheidet, den Namen der Familie Seidenberg in Rosenberg zu ändern, wahrt damit offensichtlich Distanz zum Geschilderten. Eine auffällige Diskrepanz zur "wahren" Geschichte ist jedoch Ruths Geburtsjahr: Laut Stolperstein ist sie 1919 geboren, nach Witzenbachers Schilderung jedoch erst 1929, andernfalls wäre es kaum zu einer Freundschaft mit dem 1931 geborenen Autor gekommen. Mit diesem Widerspruch beginnt die Spurensuche nach der Familie Seidenberg.
[Anton] Moritz Seidenberg, eigentlich Aron Mordka Zaydenberg, wurde am 17. Oktober 1880 in Nowy Dwor, nordwestlich von Warschau, geboren. Ausweislich der Karlsruher Adressbücher war er 1908 mit der Berufsangabe Blechner in der Kronenstraße 47 ansässig. 1909 wohnte er in der Werderstraße 13, 1911 in der Schützenstr. 4. Er lebte mithin in der Karlsruher Südstadt, meist in Dachgeschosswohnungen. Das ändert sich 1918. Er ist jetzt mit der Berufsbezeichnung Kaufmann im Haus Fasanenstraße 8, Eigentum der Familie Witzenbacher, verzeichnet. Der Einzug der Seidenbergs erfolgt also 19 Jahre früher als im Buch angegeben. Moritz Seidenberg hatte inzwischen geheiratet. In der Badischen Presse ist am 23. September 1916 das Eheaufgebot aus dem Standesamt Karlsruhe abgedruckt: "Moritz Seidenberg von Nowy-Davor [sic], Kaufmann, mit Frume [eigentlich Fruma/Rosa] Rudowitz von Bakalarzew [i.e. Bakałarzewo]." Die Eheschließung wird am 11. Oktober 1916 verkündet: "Moritz Südenberg [sic] von Nowyswor [sic] mit Frume Rudowitz von Bakalarzew." Die variierenden Schreibweisen verdeutlichen die Problematik der phonologischen Transkription jüdischer Familien- und polnischer Ortsnamen - mit entsprechenden Folgen für die Familienforschung. Neun Monate später meldet die Badische Presse vom 30. Juni 1917 den Tod von Meta Seidenberg, Tochter des Kaufmanns Moritz, verstorben im Alter von "1 Monat und 2 Tagen". Seidenberg verdient den Lebensunterhalt als kleiner Händler, wie aus einer Zeitungsanzeige vom 28. März 1924 hervorgeht. Im "Etagengeschäft" im ersten Obergeschoss im Haus am Fasanenplatz verkauft er zu "billigsten Preisen moderne Herren-, Damen und Kinderwesten und Kinderkleidchen in allen Farben". 1925 ereilt Moritz ein Schicksalsschlag: Seine Gattin stirbt am 3. Dezember mit 32 Jahren. In der Todesanzeige lautet ihr Vorname nun "Rosa". Unter den Hinterbliebenen sind neben Moritz die am 4. April 1919 geborenen Tochter Ruth, Rosas verwitwete Mutter Jenny Rudowitz und die Familie von Chaja/Anna Rosenblum, Moritz' Schwester. Die Mitglieder der Familien Seidenberg, Rudowitz und Rosenblum leben u. a. in Karlsruhe und Ludwigshafen. Ruths Mutter "Rosa Fruma Rachel Seidenberg", so die Inschrift auf dem Grabstein aus Granit, ist auf dem Orthodoxen jüdischen Friedhof in Karlsruhe bestattet.
Rosas Lebensweg scheint durch Archivalien im Stadtarchiv Rotterdam kurz auf. Laut Meldekarte wurde Rosa am 8. Dezember 1892 in Bakałarzewo, einem polnischen Dorf mit einer großen jüdischen Gemeinde geboren. Am 27. Januar 1909, mit 17 Jahren, nimmt sie in Rotterdam Aufenthalt. Als gesetzlicher Wohnort ist "Nikolaiken" (damals Russland, heute Mikołajki, Polen) angegeben. Rosa wohnt im Hause Leuvehaven 56 b bei Rabbi Marcus [Mordechai] Cohen (1868-1941), der im Rotterdamer Lehr- und Gebetshaus Beth Hamidrasch tätig war. Drei Jahre später wird vermerkt: am "5.12.1911 nach Russland" verzogen. Der Weg nach Karlsruhe bleibt unbekannt.
Moritz Seidenberg ist am 2. Juli 1929 erneut in der Badischen Presse unter der Anzeige der "Güterrechtsregistereinträge" zu finden. Mit seiner zweiten Ehefrau Chana, geb. Rosenzweig/Rozencwajg, vereinbart er die Gütertrennung. Chana wurde am 18. März 1887 in Busko (heute Busko-Zdrój) geboren. Sie ist mithin die Stiefmutter der inzwischen 10-jährigen Ruth. Im Adressbuch von 1937 ist Seidenberg letztmalig in der Fasanenstr. 8 aufgeführt. Die Berufsbezeichnung "Reisender" lässt vermuten, dass er sein bescheidenes "Etagengeschäft" aufgrund der zunehmend antisemitischen Repressalien aufgeben musste. Am 28. Oktober 1938 wurde Moritz Seidenberg, wie alle Juden polnischer Staatsangehörigkeit, ausgewiesen, nachdem er 30 Jahre in Karlsruhe gelebt und eine Familie gegründet hatte. In der Deportationsliste mit "Zajdenberg, Aron" aufgeführt, steht sein eingedeutschter Name handschriftlich darüber. Über das französische Transitlager Camp de Pithiviers wurde er mit dem Transport Nr. 4 vom 25. Juni 1942 nach Auschwitz deportiert.
Über Ruth Seidenberg ist bis zum Beginn ihrer Verfolgung nichts bekannt. Ruth Tauba und Chana sind auf den Karlsruher Deportationslisten des Jahres 1939 verzeichnet, der Nachname wurde mit "Zaydenberg" erfasst, um sie so als "Nichtdeutsche" zu kennzeichnen. Mittlerweile wohnen Tochter und Stiefmutter in der Adlerstr. 37. Ein Schreiben des Karlsruher Polizeipräsidenten vom 15. September 1939 an die Gestapo nennt Ruth unter den 23 in Karlsruhe anwesenden polnischen Jüdinnen, Chana fehlt. Eine handschriftliche Liste vom 13. September 1939 enthält jedoch die Randnotiz, Ruth sei "Verzogen, Aufenth[alt] nicht bekannt". Offenbar gelang ihr die Flucht nach Belgien. Das ergibt sich aus der Karteikarte des Judenregisters von Antwerpen, mit dem sie am 20. Dezember 1940 aktenkundig wurde (seit 28. Oktober 1940 wurden Juden in Belgien erfasst). Demnach hielt sie sich ab dem 20. September 1939 in Antwerpen (Lange Kievietstr. 22, Teil des jüdischen Viertels), und seit dem 14. Januar 1941 in Anderlecht (rue Odon, 37) auf. Auf der Karteikarte wird sie als staatenlos bzw. polnischer Herkunft, unverheiratet und jüdischen Glaubens klassifiziert. Während einige Quellen sie als Schneiderin bezeichnen, ist hier "ohne Beruf" vermerkt. Zudem sind nicht nur ihre Eltern (niederländisch als Mauritz und Rachel benannt), sondern auch die Großeltern mütterlicher- und väterlicherseits aufgeführt. [Karteikarte Archiv Dokumentationszentrum Kazerne Dossin, Mechelen]. Ruth wurde am 14. Juli 1943 in das im Juli 1942 eingerichtete Sammel- und Durchgangslager Kaserne Dossin in Mechelen eingewiesen. Von dort wurde Ruth Tauba Seidenberg mit dem Transport Nr. XXI/1282 am 31. Juli 1943 in das Konzentrationslager Auschwitz gebracht, wo sie ermordet wurde.
Die beschriebene Kinderfreundschaft hat es nie gegeben. Als Ruth das Haus am Fasanenplatz verlassen musste, war sie 19 Jahre alt, Kurt erst sieben. Die Geschichte ist dennoch wahr, denn sie zeigt, wie tief sich die bedrückenden Ereignisse, die der Knabe Kurt aus unmittelbarer Nähe erlebte, in sein Bewusstsein eingegraben haben. So stark, dass Kurt Witzenbacher die brutalen Fakten in die emotionale Geschichte zweier Nachbarskinder verweben musste, die sich trotz unterschiedlicher Herkunft für kurze Zeit gefunden hatten.
Dr. Katharina Siefert, Kunsthistorikerin und Provenienzforscherin am Badischen Landesmuseum Karlsruhe
Hinweis: Eine filmische Interpretation des Buches "Kaddisch für Ruth" ist in der Ausstellung "Unrecht & Profit. Das Badische Landesmuseum im Nationalsozialismus" zu sehen. (Badisches Landesmuseum, Schloss Karlsruhe, bis 28. September 2025)