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Blick in die Geschichte Nr. 147

vom 27. Juni 2025

Verlängerung der Turmbergbahn

Modernisierung in den Jahren 1965/66 

von Annika Stehle

 

Der Turmberg ist Wahrzeichen Durlachs und eines der beliebtesten Ausflugsziele in Karlsruhe. Dank der 1888 auf Initiative des Durlacher Verschönerungsvereins zur Erschließung des Turmbergs als Naherholungsgebiet eröffneten Turmbergbahn können Spaziergänger*innen die schöne Aussicht auch ohne schweißtreibenden Aufstieg genießen. Seit Ende 2024 ist der Bahnbetrieb der ältesten Standseilbahn in Deutschland jedoch aufgrund der geplanten Modernisierung eingestellt. In den kommenden Monaten sollen die Schienen und Fahrzeuge altersbedingt erneuert und der Zugang zur Standseilbahn barrierefrei gestaltet werden. In diesem Sinne ist auch geplant, die Talstation zur besseren Anbindung an die Straßenbahnlinie an die B 3 zu verlegen.

Eröffnungsfeier der umgebauten und modernisierten Turmbergbahn mit Ehrengästen und Oberbürgermeister Günther Klotz, 1966

 

Erste Überlegungen zur Verlängerung der Turmbergbahn

Die Idee, die Streckenführung der Turmbergbahn zu verlängern ist keine neue. Bereits Anfang des 20. Jahrhunderts sah ein Bauprogramm die Verlegung der Talstation zur Grötzinger Straße vor. Die Pläne wurden angesichts des beginnenden Ersten Weltkriegs aber nicht umgesetzt. Auch in den Diskussionen rund um die letzte große Modernisierung in den Jahren 1965/66 spielte die Verlängerung der Bahnstrecke eine zentrale Rolle. Gerade für Familien mit kleinen Kindern und für alte und kranke Menschen sei der direkte Anschluss an die Straßenbahn wichtig, argumentierte damals Oberbürgermeister Günther Klotz vor dem Gemeinderat.

Die Umbaumaßnahmen Mitte der 1960-er Jahre waren notwendig geworden, da man angesichts des in die Jahre gekommenen technischen Zustands der Turmbergbahn befürchtete, das baden-württembergische Innenministerium werde als Aufsichtsbehörde deren Betrieb nicht länger zulassen. Bereits im April 1963 hatte das Innenministerium bei der Betreibergesellschaft Turmbergbahn AG angemahnt, dass die mit Wasserballast betriebene Standseilbahn nicht mehr den neuesten technischen Erfordernissen entspreche und dringend modernisiert werden müsse.
 

Die Turmbergbahn während eines letzten Probelaufs nach Reparatur der Panne bei der Jungfernfahrt

 

Vom Wasser zum Strom

Tatsächlich kam es mit dem bisherigen Antriebssystem immer wieder zu Problemen. Der Wasserantrieb funktionierte nach dem Prinzip der Schwerkraft. Die zwei Wagen der Turmbergbahn waren über ein Stahlseil miteinander verbunden und zogen sich wechselseitig auf den Berg, indem der talabwärtsfahrende Wagen mit Wasser befüllt wurde, bis sein Gewicht den an der Talstation befindlichen Wagen nach oben zog. Da die Spannsicherheit des Stahlseils nicht mehr ausreichend war, musste 1963 auf Anordnung des Innenministeriums die Wassermenge der Tanks pro Fahrt erhöht werden. Der gestiegene Wasserverbrauch führte dazu, dass an den sonnigen und trockenen Pfingstfeiertagen desselben Jahres der Betrieb wegen Wassermangels komplett eingestellt werden musste. Schon im Sommer des vorherigen Jahres hatte zeitweise ein Ersatzverkehr mit Bussen auf den Turmberg eingerichtet werden müssen, da nicht ausreichend Wasser zur Verfügung stand. In den Wintermonaten war der Betrieb der Bahn angesichts der Frostgefahr überhaupt nicht möglich.

Ein Weiterbetrieb der Turmbergbahn mit Wasserballast wurde von Oberbürgermeister Klotz daher kategorisch ausgeschlossen. Stattdessen sollte - so herrschte allgemeine Einigkeit - die Turmbergbahn elektrifiziert werden. Weniger einig war man sich hingegen bei der Frage, auf welche Art von elektrischer Bahn umgestiegen werden sollte. Günther Klotz, Baudirektor Fritz Reidinger sowie der Durlacher Bezirksbeirat propagierten die Idee einer Seilschwebebahn nach Züricher Vorbild. Durch die größere Kapazität und höhere Anzahl an Wagen könne man die Fahrgastzahlen erheblich steigern. Aus den Gondeln böte sich darüber hinaus eine besonders schöne Aussicht. Gleichzeitig wollte man die Talstation an die Grötzinger Straße für einen direkten Anschluss an die Stadtbahn verlegen. Trotz intensiver Bemühungen, die Durlacher für diesen Vorschlag zu gewinnen, scheiterte die Umsetzung schließlich am Widerstand aus der Bevölkerung. Zwar hatten sich bei einer 1963 in Durlach durchgeführten Meinungsumfrage die meisten Teilnehmenden für eine Seilschwebebahn ausgesprochen, doch war die Beteiligung an der Umfrage insgesamt sehr gering und das Ergebnis somit wenig aussagekräftig. Einsprüche gegen die Pläne von OB Klotz und der Stadtverwaltung. kamen vor allem vonseiten der Anwohner*innen der Bergbahnstraße. Da die verlängerte Trasse direkt an ihren Häusern vorbeiführen würde, befürchteten sie, dass aus den Kabinen Einblicke in ihre Häuser und Gärten möglich seien. Laut dem Gemeinderatsprotokoll vom 18. Mai 1965 habe es außerdem auch Bedenken einiger älterer Durlacher Bürger*innen gegeben, in eine Gondelbahn zu steigen.

Daneben gab es Überlegungen, die Turmbergbahn zu einer Zahnradbahn umzubauen. Laut Baudirektor Riedinger sei die beim Turmberg zu überwindende Steigung von bis zu 35% für den Zahnradbetrieb aber sehr ungewöhnlich, weshalb er bei dieser Variante mit Schwierigkeiten vonseiten der Aufsichtsbehörde rechne. Nach langen Diskussionen entschied der Aufsichtsrat der Turmbergbahn AG sich am 24. Februar 1965 für die technisch und finanziell pragmatischste Lösung: Die bisherige Standseilbahn beizubehalten und lediglich ihren Antrieb zu elektrifizieren. Die Talstation sollte außerdem an ihrer bisherigen Stelle belassen und lediglich um- und ausgebaut werden. Trotz deutlich geäußerter Enttäuschung, dass die Seilbahn-Variante sich nicht durchgesetzt hatte, trugen schließlich auch Günther Klotz und der Bezirksbeirat Durlach diese Entscheidung mit. Besiegelt wurde der Umbau durch den Beschluss des Gemeinderates am 18. Mai 1965, die Finanzierung des dafür nötigen Darlehens von 1,2 Millionen DM und den jährlichen Verlust der Turmbergbahn AG zu übernehmen.

Nachdem die Diskussionen um die Modernisierung der Turmbergbahn sich zwei Jahre hingezogen hatten, konnte der Umbau nun endlich Realität werden. Am 30. November 1965 ging die Wasserballastbahn im Beisein des Aufsichtsrates der Turmbergbahn AG und einiger geladener Gäste auf ihre letzte Fahrt. Einen Monat später wurden die alten Wagen verschrottet und die Gebäude an der Tal- und Bergstation abgerissen. Anfang des Jahres 1966 begann man mit dem Abbau der Gleisanlage. Trotz des zügigen Beginns der Baumaßnahmen, verzögerte sich der geplante Betriebsbeginn doch um einige Monate. Am 25. August sollte die Turmbergbahn dann endlich auf ihre Jungfernfahrt gehen, doch entgleiste bereits auf der dritten Fahrt ein Wagen. Die Ehrengäste mussten daraufhin den Anstieg zu Fuß bewältigen und die Bahn wurde für weitere acht Tage stillgelegt. Nach Abschluss der Reparaturen war es dann wirklich soweit: Der Betrieb der neuen elektrifizierten Turmbergbahn konnte am 3. September 1966 regulär aufgenommen werden.

Den geplanten Bauarbeiten an der traditionsreichen Turmbergbahn ist zu wünschen, dass sie planmäßig verlaufen und dann den eingeladenen Ehrengästen ein Anstieg zu Fuß bei einer erfolgreichen Jungfernfahrt erspart bleibt.

Annika Stehle, Archivarin, Stadtarchiv Karlsruhe
 

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