Blick in die Geschichte Nr. 148
vom 12. September 2025
Carlsruher Blickpunkt
Die Bismarckeiche im Stadtgarten
von Ernst Otto Bräunche
Am 8. September 1933 berichteten Karlsruher Zeitungen, dass entgegen anderslautender Gerüchte die zu Ehren des ersten Reichskanzlers des Deutschen Kaiserreichs Otto von Bismarck gepflanzte Eiche noch stehe und nur die Beschriftung fehle. Die Eiche soll demnach und auch der heute bei der Bismarckeiche stehenden historischen Tafel zufolge im Jahr 1896, ein Jahr nach dem 80. Geburtstag des als Gründer des Deutschen Reiches gefeierten und verehrten Bismarck gepflanzt worden sein. Reichsweit waren aber schon im Jubiläumsjahr 1895 zahlreiche Eichen aus dem Bismarckschen Sachsenwald gepflanzt worden, so auch in Mannheim. Diese war aber kurz darauf wieder herausgerissen worden und musste neu gepflanzt werden, ein Zeichen, dass schon damals nicht alle Otto von Bismarcks Wirken uneingeschränkt positiv sahen. In der badischen nationalliberal geprägten Haupt- und Residenzstadt überwogen aber die Bismarckverehrer deutlich. In weiten Kreisen hatte schon der - erzwungene - Rücktritt Bismarcks, "des gewaltigen Staatsmanns" … und "Schöpfers des deutschen Einheitsstaates" (Badische Presse) Ende März 1890 großes Bedauern ausgelöst.
In Karlsruhe war schon im Jahr nach der Reichsgründung 1872 die Bismarckstraße benannt worden, das dort 1874 fertiggestellte Gymnasium wurde aber erst 1938 in Bismarck-Gymnasium umbenannt. Zum 80. Geburtstag 1890 verlieh die Stadt Bismarck die Ehrenbürgerwürde zusammen mit allen, der badischen Städteordnung unterliegenden Städte. Dem Antrag der Stadt stimmte im Bürgerausschuss zwar eine deutliche Mehrheit zu, vor allem die nationalliberalen und die konservativen Stadtverordneten. Nicht zugestimmt hatten die Linksliberalen und das Zentrum. Am Geburtstag selbst, am 1. April veranstaltete die Stadt ein Festbankett in der Festhalle, "eines der glänzendsten und würdigsten" im Deutschen Reich, wie die Jahreschronik vermerkte. Die Halle war ausverkauft, unter den Gästen auch Großherzog Friedrich, etliche Minister und hochrangige Vertreter der Stadt. Wegen der großen Nachfrage wiederholte der für seine uneingeschränkte Bismarckverehrung bekannte Militärverein das Bankett, diesmal ohne die am Vortag anwesenden Honoratioren. Darüber hinaus gab es eine Reihe von vereinsinternen Feiern und auch die Schulen beteiligten sich mit Schulfesten. Der nationalliberale, am Gymnasium unterrichtende Gymnasialprofessor Robert Goldschmit, ein Bismarckverehrer, hatte eine Festschrift "Fürst Bismarck, sein Leben und Wirken" verfasst, die in 8.700 Exemplaren gedruckt und an den Schulen verteilt wurde.
Das Lehrerseminar I in der heutigen Bismarckstraße hatte zudem auf Initiative des Direktors Ferdinand Leutz eine Eiche aus dem Sachsenwald angepflanzt. Allerdings ist der Ort der Pflanzung nicht bekannt, so dass offen bleibt, ob dies die heutige Bismarckeiche im Stadtgarten war. Im Jahr 1896 finden sich allerdings keine Hinweise auf eine weitere Bismarckeiche, so dass die Eiche des Lehrerseminars tatsächlich die heutige 1896 von dem Lehrerseminar in den Stadtgarten umgepflanzte Bismarckeiche sein könnte.
Auch in den folgenden Jahren gibt es keine Hinweise mehr auf die Karlsruher Bismarckeiche. Im Todesjahr Bismarcks 1898 initiierte der Militärverein eine Fahrt zum Nationaldenkmal im Niederwald, an dem rund 500 Personen teilnahmen. Die Ansprache hielt Robert Goldschmit, Stadtrat Emil Glaser gedachte des kurz zuvor verstorbenen Reichsgründers. Eine Bismarckfeier in Karlsruhe unterblieb allerdings, da die Festhalle renoviert wurde und der große Festsaal nicht zur Verfügung stand. Stattdessen riefen im September zahlreiche Honoratioren der Stadt von A wie Otto Ammon, Journalist, bis Z wie Hermann Zeis, Stadtverordneter, zu Spenden für ein zu errichtendes Bismarckdenkmal auf. Dieses von Friedrich Moest gestaltete Denkmal wurde 1904 vor der Festhalle, dem Ort so mancher Bismarckfeier, aufgestellt. Seit 1953 steht es nach dem Abriss der im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigten Festhalle vor dem Bismarck-Gymnasium.
Dr. Ernst Otto Bräunche, Herausgeber/Redaktion "Blick in die Geschichte"