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Blick in die Geschichte Nr. 148

vom 12. September 2025

Organisiertes Wandern und "Volksgemeinschaft"

Der Schwarzwaldverein Karlsruhe im NS

von Harald Stahl

 

Der Nationalsozialismus hatte den Anspruch, die verschiedensten Bereiche der Gesellschaft zu durchdringen. Das betraf nicht nur die politischen und rechtlichen Institutionen, die Verwaltung und das Erziehungswesen, sondern auch die Kultur (der Begriff "Kulturschaffende" stammt noch aus der Zeit), den Sport - und das organisierte Wandern. Wie andere gesellschaftliche Bereiche waren auch die Wandervereine im Zuge der Etablierung des NS-Staates von der "Gleichschaltung" betroffen. Für jedes Landschaftsgebiet war jeweils nur noch ein Wanderverein zugelassen, für den Schwarzwald der Schwarzwaldverein, dessen Karlsruher Ortsgruppe zu Beginn der NS-Herrschaft rund 3.000 Mitglieder zählte und damit damals der größte Verein in der Landeshauptstadt war.
 

Titelseite Wald Heil!

Tradition bleibt Tradition?

Auf der Titelseite der Juniausgabe 1933 der "Monatsblätter des Badischen Schwarzwaldvereins", des Hauptvereins mit Sitz in Freiburg, findet sich ein "Treuebekenntnis", das von einer "vaterländischen" und "nationalen" Einstellung des Vereins seit seiner Gründung kündet. Diese "Gesinnung" habe er in der Zeit der Weimarer Republik "trotz mancher Anfeindungen … unverändert beibehalten und ... vertreten." Eine "Selbstverständlichkeit" sei es, "sich bewußt und freudig hinter die Regierung der Nationalen Erhebung zu stellen." In Bezugnahme auf die bisherigen Tätigkeiten - Förderung des Wanderns, von Heimatkenntnis und "Vaterlandsliebe" - heißt es: "Es ist … eine Ehrenpflicht, im Sinne dieser alten Tradition, heute mit verdoppelter Tatkraft und Freude … das Aufbau- und Ertüchtigungsprogramm unserer nationalen Regierung zu unterstützen." Damit war eine Richtung vorgegeben. Die Behauptung, die Anschlussfähigkeit des Vereins an den NS ergebe sich aus seiner Tradition, wurde in den folgenden Jahren häufig aufgestellt. Dies gipfelte in Äußerungen wie der des Karlsruher Ortsgruppenvorsitzenden Hans Linz, der in seiner Festrede zum 50-jährigen Bestehen der Ortsgruppe im Juni 1937 meinte, die Wandervereine seien "in ihrem Wirken stets nationalsozialistisch" gewesen.

Wie sah dieses "Wirken" aus? Der Schwarzwaldverein gründete sich 1864 in Freiburg als "Badischer Verein von Industriellen und Gastwirthen zum Zweck, den Schwarzwald und seine angrenzenden Gegenden besser bekannt zu machen". Er beförderte die Erschließung des Schwarzwaldes als Tourismus- und Wanderlandschaft. Erst ab den 1880er Jahren entwickelte sich der Schwarzwaldverein zu einem eigentlichen Wanderverein. Ab 1883 bildeten sich Sektionen, die gemeinschaftliche Ausflüge in den Schwarzwald unternahmen. In dieser Zeit setzte auch eine stärkere wissenschaftliche Ausrichtung ein, die sich in der 1887 gegründeten Karlsruher Sektion etwa in einem regelmäßigen Angebot an Abendvorträgen äußerte, deren Inhalte ab 1933 teils von abstammungs- und rassenkundlichen Themen geprägt waren. 1909 wurde Naturschutz Teil der Satzung. Die Schaffung und Pflege der Rahmenbedingungen für das Wandern - Erschließung und Markierung von Wegen, Bau und Unterhalt von Unterkünften und Aussichtstürmen, Herausgabe von Wanderkarten - war stets eine zentrale Aufgabe des Vereins.

Im Juni 1937 befand nun Linz - Lehrer, seit einem Monat "Parteigenosse", SA-Mitglied seit 1934 - in seiner Rede: "Was der Schwarzwaldverein gewirkt, hat er nicht für sich, sondern für alle Volksgenossen geschaffen. Es war daher selbstverständlich, daß mit dem Umbruch der Schwarzwaldverein, dessen gemeinnütziges Wirken in der Systemzeit - hätte er in seinen Reihen Parteipolitik austoben lassen - unterbunden worden wäre, sich alsbald zum Nationalsozialismus bekannte." Eine solche Drohung der Unterbindung, wie sie Linz - der nach 1945 für die verächtlich mit "Systemzeit" bezeichnete Weimarer Zeit seine Rolle "als Parteiredner" der Zentrumspartei "im Kampf gegen den Nat.Soz." beteuerte - hier ausmalte, konnte ab 1933 freilich nicht mehr existieren. Vielmehr setzte man auf Loyalitätsbekundungen, bekannte im Oktober 1933 auf der Titelseite der ersten Ausgabe des Karlsruher Vereinsorgans "Wald Heil!", "ein wertvoller Baustein im neuen Staat unter Adolf Hitlers Führung" sein zu wollen.
 

Ehrenurkunde des Schwarzwaldvereins 1933

"Wald heul!"

Laut einem Rundschreiben des Reichswanderführers im Juli 1933 durfte es für jedes Landschaftsgebiet nur noch einen Wanderverein geben, "Juden und Marxisten" sollten ausscheiden, die Vereinsvorsitzenden oder deren Stellvertreter mussten Mitglied der NSDAP sein. Für die Jugendgruppen war das Aufgehen in der Hitlerjugend angeordnet. 1934 wurde der Badische Schwarzwaldverein mit dem 20 Jahre jüngeren Württembergischen Schwarzwaldverein vereinigt. In Karlsruhe musste der seit 1911 bestehende Tourenklub Schwarzwaldbummler e.V. aufgelöst werden. Die aus der Arbeiterbewegung hervorgegangenen Naturfreunde waren bereits seit dem 30. März 1933 verboten. Ob der Karlsruher Schwarzwaldverein eines ihrer beschlagnahmten Häuser kaufen wolle, erörterte man am 18. April 1933 im Vorstand und entschied sich dagegen. Im folgenden Monat beschloss man bei der Aufnahme neuer Mitglieder "künftighin besondere Vorsicht walten" zu lassen, insbesondere wenn sie "vorher einer marxistischen Organisation angehört hätten. Bejahendenfalls" sollte eine "Bewährungsfrist" gelten.

Im August wurde der Geologe August Göhringer, der den Verein seit 1929 leitete, nach verordneten Vorstandsneuwahlen zum "Vereinsführer" bestimmt. Göhringer war erst im April in die Partei eingetreten. Seine frühere Mitgliedschaft in der nationalliberalen Deutschen Volkspartei, wohl bis 1928, musste er 1937/38 als Realschulprofessor und Hochschullehrer rechtfertigen, wobei er glaubhaft machen konnte, die NSDAP schon vor 1933 unterstützt zu haben - was auch der Außenwahrnehmung mancher entsprach: So heißt es in einem Leserbrief eines Naturfreundes in der Tageszeitung Der Volksfreund vom 10. Februar 1932 angesichts der Wiederwahl des als "mehr als hitlerverdächtig geltende[n]" Vorsitzenden: "Der Schwarzwaldverein ist - nationalsozialistisch geworden! Wald heul!"

Für "nichtarische" Mitglieder galten zunächst die Bestimmungen entsprechend dem "Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums", das nur wenige Ausnahmen zuließ. Eingang in die Satzung fand der "Arierparagraph" bei der Jahreshauptversammlung im Februar 1935. Im Protokoll der vorausgegangenen Vorstandssitzung steht, dass die "nichtarischen" Mitglieder zu ihrem Austritt "nicht besonders aufgefordert werden" sollten, "man nimmt an, dass diese von selbst austreten werden, wenn ihnen die neuen Satzungen bekanntgegeben worden sind." Anfang 1936 strich man die jüdischen Mitglieder aus der Mitgliederliste. Inzwischen galten die Nürnberger Gesetze.
 

Das Wanderheim im Gaistal. Abbildung aus: Wald Heil! 4/1934, S. 1

Wandern und "Volksgemeinschaft"

Anlässlich der Eröffnung des Wanderheims der Ortsgruppe im Gaistal (ab 1952 Hans-Linz-Haus) bekundete Göhringer im April 1934 die "Bereitschaft" des Vereins, "seiner eigenen Tradition folgend, ein williges Werkzeug des Führers zu sein", und dass "Wanderheime der Natur ihrer Anlage nach zur Volksgemeinschaft" erzögen, "während Hotels Brutstätten eines veralteten Individualismus" seien. Als Linz, der die praktische Umsetzung des Baus vorangetrieben hatte, dem zum Gauwanderführer aufgestiegenen Göhringer im Juni als Vorsitzender folgte (er war dies auch 1947 bis 1951), versprach er, "den Verein im Geiste der Volksgemeinschaft weiterzuführen".

Wandern sollte die "Volksgemeinschaft" stärken, und damit auch jeder "Wanderkamerad" diese Botschaft vernehmen konnte, bestellte man 1937 - wie für Wander- und Sportvereine vorgeschrieben - einen Dietwart (diet, mittelhochdeutsch für Volk), der zuständig war für Propaganda und Schulung im völkisch-nationalsozialistischen Sinne. Nicht nur der "Wandertrieb" leite sich her von der stammesgeschichtlichen germanischen Herkunft der Deutschen, wie man vom Karlsruher Dietwart, Malermeister Lamprecht, und vom Hauptdietwart des Gesamtvereins, Lehrer Willi Echle aus Gaggenau, vernehmen und in den Vereinszeitschriften lesen konnte. Das Germanische wese auch weiter im Brauchtum, im deutschen Weihnachtsfest als "Julfest" und natürlich im Brauch der Sommersonnenwende - ganz abgesehen vom deutschen Wald. Dass letzterer auch unter den Bedingungen verordneter Produktionssteigerungen und des Vierjahresplans Hort heimatlicher Natur bleibe, betonte ein Forstrat im 1937 von der Ortsgruppe herausgebrachten "Karlsruher Wanderbuch".

Die Erweiterung der erwanderbaren "deutschen Heimat" 1938 durch den Anschluss Österreichs mit dem Großglockner als "höchstem Berg Großdeutschlands" wurde in "Wald Heil!" bejubelt, ebenso die "Heimkehr" des Sudetenlandes im selben Jahr, des Saarlandes 1935 und später die Annexion des Elsass. Die letzte Ausgabe vor der kriegsbedingten Einstellung des Blattes im Juli 1941 bekundet nochmals die Loyalität der "Schwarzwaldvereinsfamilie" mit dem "Führer" im "schweren Ringen um Europas Neuformung". Unter den Bedingungen des Krieges war die Tätigkeit des Vereins ausgedünnt, man ging aber - "erst recht" - noch bis 1944 in der Umgebung der Stadt wandern. 1943 hatte der Zweigverein Karlsruhe seinen höchsten Mitgliederstand (3345). Die letzte Hauptversammlung fand im April 1944 statt. Dann ruhte die Vereinstätigkeit. Das "Vereinsleben" sei "nach aussen glanzvoll, nach innen widerspruchsvoll" gewesen, vermerkte im Jahr der Wiedergründung 1947 der Vorsitzende Linz, der wie Göhringer als Mitläufer eingestuft wurde; "den Verein möglichst frei zu halten von politischen Einflüssen" sei sein "Bestreben" gewesen.

Dr. Harald Stahl, Freier Kulturwissenschaftler, Lehrbeauftragter am KIT/FORUM, 

Hinweis: Der Artikel basiert auf einer vom Schwarzwaldverein beauftragten umfangreicheren Arbeit von Harald Stahl: Wandern - Heimat - "wahrhafte Volksgemeinschaft". Der Schwarzwaldverein im Nationalsozialismus unter besonderer Berücksichtigung der Ortsgruppe Karlsruhe, unveröffentlichtes Manuskript Februar 2025.

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