vom 19. Dezember 2025
von Ariane Rahm
Wenn in diesen Tagen viel von „Zeitenwende“ die Rede ist, so gilt das nicht zuletzt in Bezug auf die transatlantischen Beziehungen. 2025 jährte sich der Abzug der US-Streitkräfte aus Karlsruhe zum 30. Mal. Aus diesem Anlass soll an ein einst entspannteres deutsch-amerikanisches Verhältnis erinnert und ein Blick auf Spuren der US-Präsenz in Karlsruhe geworfen werden.
Am Beginn der freundschaftlichen Beziehungen stand die alliierte Besetzung des besiegten nationalsozialistischen Deutschlands, Inbegriff bisher nicht gekannter Menschheitsverbrechen. Am 4. April 1945 waren Soldaten der 1. Französischen Armee entgegen voriger Absprachen in Karlsruhe einmarschiert und hatten hier für drei Monate die Militärregierung übernommen. Nach der endgültigen Festlegung der Zonengrenzen übernahmen am 8. Juli 1945 die Amerikaner offiziell die Besatzungshoheit. Sie blieben über das offizielle Ende der Besatzungszeit am 5. Mai 1955 hinaus, nun als NATO-Verbündete.
Zur Unterbringung ihrer Angehörigen nutzte die US-Armee zunächst die in der Region in den 30er-Jahren gebauten Wehrmachtskasernen und benannte sie nach gefallenen US-Soldaten um. Eine zentrale Stellung nahm dabei die Freiherr-von-Forstner-Kaserne, nun Smiley Barracks, in der heutigen Nordstadt ein. Hier war unter anderem der Sitz des US-Distrikt-Kommandos Karlsruhe untergebracht. Die der Stadt überlassene Bibliothek der Amerikaner befindet sich nach wie vor hier.
Weitere übernommene Wehrmachtskasernen waren die Mackensen-Kaserne in Rintheim, von den Amerikanern als Phillips Barracks bis 1963 in Gebrauch (heute zum Teil vom KIT genutzt), sowie die in Gerszewski Barracks umbenannte Rheinkaserne in Knielingen. Im Stabsgebäude war dort ab 1973 das für Karlsruhe zuständige US-Militärgericht untergebracht. Vom Kasernenkomplex stehen heute nur noch die denkmalgeschützten Gebäude des Offizierskasinos und der Garnisonskirche. Lediglich im damals noch eigenständigen Neureut baute man Anfang der 1950er-Jahre zwei neue Kasernen, darunter die Labor-Service-Kaserne als Unterkunft für die Unterstützungstruppen, also deutsche Zivilbeschäftigte im Dienst der US-Armee. Nach dem vollständigen Abriss der Kasernenanlage entstand hier das neue Wohngebiet Kirchfeld-Nord.
Die Übernahme des Flugplatzes an der Erzbergerstraße durch die Amerikaner hatte einen der wenigen Dauerkonflikte mit der Stadtverwaltung zur Folge, die das Gelände für den Bau dringend benötigter Wohnungen einforderte. Das US-Militär baute den Flughafen zwar zeitweise aus. Meist waren hier jedoch nur wenige Flugzeuge und Hubschraubereinheiten stationiert, und nur während der jährlichen NATO-Großmanöver kam es zu größeren Flugbewegungen. Dennoch konnte die Army sich lange nicht zu einer Übergabe entschließen. Heute steht das nach wie vor nicht bebaute Areal unter Naturschutz.
Auch im Rheinhafen beschlagnahmte die US-Armee Gelände und richtete ab 1949 am Nordufer des Mittelbeckens einen militärischen Stützpunkt von Landungs- und Patrouillenbooteinheiten ein. Die Rhine River Patrol kontrollierte und schützte als eine Art Wasserschutzpolizei den Schiffsverkehr auf dem Rhein. 1958 übernahmen die Flusspioniere der Bundeswehr den Stützpunkt.
Um die wachsende Zahl ihrer in Karlsruhe stationierten Angehörigen unterzubringen, ließ die Army ab 1954 in unmittelbarer Nähe zu den Smiley Barracks eine großzügig angelegte Siedlung mit rund 1.400 Wohneinheiten errichten. Für die höheren Offiziere standen Ein- und Zweifamilienhäuser zur Verfügung. Das Paul-Revere-Village verfügte über zahlreiche Freizeit- und Gemeinbedarfseinrichtungen wie Kindergärten, Einkaufszentren mit original amerikanischen Produkten, ein Krankenhaus, Sportflächen sowie einer Kirche (heute Sitz der Serbisch-Orthodoxen Kirchengemeinde). 1952 wurde eine Elementary School eingerichtet, während für die weiterführende Schule zunächst die tägliche Fahrt nach Heidelberg nötig war, bis 1958 die Karlsruhe American High School (KAHS) eröffnete. Noch heute finden Ehemaligen-Treffen in Karlsruhe statt. Die Schuljahrbücher kann man sich auf der Website der KAHS Alumni Association ansehen (http://www.kahsknights.org/). Die Gebäude beherbergen heute die Marylandschule und das Heisenberg-Gymnasium.
So entstand mit den Jahren eine Art amerikanische Kleinstadt mit nahezu autarker Infrastruktur. Seit 1996 bildet das Viertel, das aufgrund von Abrissen sowie der Nachverdichtung sein Aussehen verändert hat, zusammen mit der Hardtwaldsiedlung die Nordstadt.
Die Entnazifizierung wurde von den Amerikanern in Karlsruhe wie generell in ihrer Besatzungszone anfangs mit großer Konsequenz durchgeführt, bis eine vom beginnenden kalten Krieg geprägte Schlussstrichstimmung dies änderte. Das galt auch für das Fraternisierungsverbot. Stattdessen setzte man auf Re-Education, unter anderem durch die Einrichtung sogenannter Amerika-Häuser. In Karlsruhe war das "US-Information Center Karlsruhe – Amerika-Haus", das über eine umfangreiche Bibliothek und ein abwechslungsreiches Veranstaltungsprogramm verfügte, von Februar 1949 bis zu seiner Schließung im Oktober 1953 im Moninger-Gebäude an der Ecke Kaiserstraße/Karlstraße untergebracht.
Mit ihrem Jugendförderungsprogramm German Youth Activities (GYA) betrieben die US-Streitkräfte zudem systematische Jugendarbeit auch in Karlsruhe. Nach einer zweijährigen Phase der Zusammenarbeit übernahm der 1951 gegründete Stadtjugendausschuss die alleinige Verantwortung für die GYA-Einrichtungen, darunter das heutige Anne-Frank-Haus. Kindern widmete man auch in karitativer Hinsicht viel Aufmerksamkeit. Noch heute erinnern sich ehemalige Zöglinge des Sybel- und des Antoniusheims an Einladungen zu Kuchen und Micky-Maus-Filmen oder kleine Geschenke zu Weihnachten.
Das Verhältnis von US-Militärs und Karlsruher Bürgern und Bürgerinnen war dabei nicht frei von Spannungen. Vor allem farbigen GIs gegenüber gab es viele Vorbehalte. So waren in den Anfangsjahren zur Vorbeugung von Konflikten für das alliierte Personal einige Bereiche der Innenstadt mit ihren einschlägigen Vergnügungsstätten „off limits“, das heißt der Zutritt war ihnen durch die militärische Führung untersagt. Als es längst offiziell keine Sperrzone mehr gab, versuchten etliche Gaststättenbesitzer, die Ärger mit allzu feierwütigen GIs hatten, durch das Anbringen von Off limits-Schildern an ihren Türen Zutrittsverbote zu erzwingen. Durch eine verbesserte Kommunikation von Gastwirten und US-Offiziellen, die Anfang der 80er-Jahre als "Karlsruher Modell" auch anderen Städten als Vorbild diente, entschärfte sich die Situation. Erfahrungen mit Diskriminierung aufgrund ihrer Hautfarbe machten amerikanische Soldaten und Soldatinnen aber auch weiterhin.
Dennoch stärkten über die Jahre zahlreiche gemeinsame Aktivitäten, offizielle Kontakte und private Freundschaften das gegenseitige Verständnis. Deutsch-amerikanische Clubs wurden gegründet, darunter der noch heute bestehende Internationale Frauenclub (IFC), 1957 als Deutsch-Amerikanischer Frauenclub von der Anglistin Maria Becker offiziell zum Zwecke der Flüchtlings- und Kindervorsorge ins Leben gerufen, vor allem aber, um "die Amerikaner etwas aus der Isolation in ihrem village herauszubringen". Seit 1968 organisiert der Club den jährlich stattfindenden Pfennigbasar, dessen Erlöse sozialen Projekten zugute kommen. Für viele verbinden sich die Erinnerungen an die Amerikaner aber vor allem mit dem Deutsch-Amerikanischen Volksfest, von den Karlsruhern schlicht Ami-Mess genannt. Von 1958 bis 1995 fand es, organisiert von Angehörigen der US-Armee, auf dem Flugplatzgelände statt.
Mit den Jahren wurde das Miteinander zur Selbstverständlichkeit. Andererseits nahmen gegenseitige Einladungen wie etwa zu Weihnachten ab. Die Hauptschwierigkeit blieb die sprachliche Kommunikation, da nur die wenigsten US-Soldaten, deren Dienstzeit in Karlsruhe zudem meist nach zwei bis drei Jahren endete, Deutsch sprachen und weitgehend in ihrer Enklave blieben, wo sie mit allem versorgt waren.
Über die Jahrzehnte wurde die Garnison immer weiter ausgebaut, wichtige militärische Einrichtungen hier angesiedelt. So wurde 1970 die 4. US-Signal Service Group, zuständig für die Fernmeldeverbindungen sämtlicher Dienststellen und Militärbasen der NATO in Europa, von München in die Neureuter Kaserne verlegt. In den Smiley Barracks war die oberste Schulverwaltungsbehörde der armeeeigenen Schulen in Europa untergebracht. Zeitweise lebten rund 14.000 Soldaten und Soldatinnen mit ihren Familien im gesamten Stadtgebiet. Die Army war ein fester Bestandteil des öffentlichen Lebens der Stadt. Sie half bei Notfällen und stellte Soldaten und Gerät bei Aushubarbeiten für Sportplätze, Schulen und Kirchen zur Verfügung.
Als es 1990 zu ersten Truppenreduzierungen in Deutschland kam, zeigte sich Oberbürgermeister Gerhard Seiler dennoch enttäuscht, dass Karlsruhe angesichts der dringend benötigten Flächen für Wohnungsbau und Gewerbeansiedlungen unberücksichtigt blieb. Zuletzt nahmen die hier stationierten Streitkräfte (einschließlich der Bundeswehr) über 400 Hektar Grund und Boden im Stadtgebiet in Anspruch, den Löwenanteil nutzte dabei die US-Armee.
Ein Vorzeichen für die sinkende Bedeutung der Karlsruher Garnison war allerdings die Verlegung des Standortkommandos Anfang der 1990er-Jahre nach Heidelberg, womit Karlsruhe wieder wie zu Beginn nur ein Unterdistrikt war. Am 24. Februar 1994 erreichte die Stadt dann ohne Vorwarnung die in Washington getroffene Entscheidung, dass der Militärbezirk Karlsruhe sogar komplett aufgelöst werden würde. Am 19. April 1995 nahmen die US-Streitkräfte auf dem Marktplatz in einem feierlichen Zeremoniell offiziell Abschied von der Fächerstadt.
Im Rückblick hat die Stadt vom Abzug vor allem in Hinblick auf die Schaffung von Wohnraum in den Konversionsarealen profitiert. Allein in der Paul-Revere-Siedlung entstanden Wohnungen für nahezu 15.000 Menschen. Gefragt nach seiner Einschätzung lautete Gerhard Seilers Antwort denn auch, dass der Abschied weniger ökonomisch, sondern eher menschlich eine Lücke hinterlassen habe.
Ariane Rahm, Stadtarchiv Karlsruhe