vom 2. April 2026
von Eric Wychlacz
Ein findigeres Versteck für ihre Beute hätten sich die Gauner wohl kaum ersinnen können: Die etwa 15 Meter Bleikabel, die sie in einer der Winternächte vom 30. Januar bis zum 2. Februar 1958 aus dem Fernmeldezeughaus in der Kriegsstraße 42 entwendet hatten, versteckten sie auf dem Alten Friedhof in der Kapellenstraße. Als Aufbewahrungsort für das sperrige Diebesgut dienten ihnen zwei Sarkophage. Sicherlich in Unkenntnis darüber, wessen Gebeine darin bestattet waren, hoben die Täter die schweren Platten aus rotem Sandstein an. Dabei zerbrachen die Abdeckungen in mehrere Teile, was kurz darauf zur Entdeckung der Grabschändung führte. Die Grabdenkmale erinnerten an zwei für die Karlsruher Stadtgeschichte bedeutende Persönlichkeiten, den Oberhofgerichtsrat Christian Friedrich Waltz (1755-1826) und den Architekten Friedrich Weinbrenner (1766-1826), der wie kaum ein anderer das Stadtbild Karlsruhes mit seinen klassizistischen Monumentalbauten bis heute prägt.
Während das Grab von Waltz vor Ort verblieb, entschied der Gemeinderat, die sterblichen Überreste Weinbrenners in die Krypta der Evangelischen Stadtkirche zu überführen. Oberbürgermeister Günther Klotz ließ am 21. Oktober im Gemeinderat über die Kosten in Höhe von 6.000 DM abstimmen. Nicht nur für ihn, sondern für alle Anwesenden war die würdige Umbettung eine Selbstverständlichkeit. Zwei Tage vor der Wiedereinweihung der Evangelischen Stadtkirche fand Weinbrenner am 28. November 1958 seine letzte Ruhestätte unter dem Portikus des Gotteshauses in einem neuen, einfach gestalteten Steinsarkophag. In das Grab eingelegt wurde eine kupferne Kassette mit einigen Zeitdokumenten, unter anderem einem Haushaltsplan, Publikationen, Zeitungen und Porträtfotos von Weinbrenner sowie Luftbildern der Stadt.
Anlässlich des feierlichen Ereignisses hatten sich auf dem mit badischen, kirchlichen und städtischen Fahnen beflaggten Marktplatz mehr als 400 Menschen versammelt. Im Innern des Gotteshauses warteten Karlsruher Honoratioren, Nachkommen des Architekten, Vertreter von Behörden und weiteren Institutionen auf den Einzug des Eichenholzsarges.
Diese kuriose Episode der Karlsruher Kriminal-, Architektur- und Kirchengeschichte ist im Bestand der Städtischen Bildstelle des Stadtarchivs dokumentiert. Darin enthalten sind zahlreiche Fotografien der einzelnen Stationen der Überführung. Die Fotografien der beim Stadtplanungsamt angesiedelten Bildstelle sind ein einmaliger Fundus zeithistorischer visueller Aufzeichnungen, anhand derer die stadtgeschichtliche Entwicklung Karlsruhes von der Kriegs- und unmittelbaren Nachkriegszeit bis in die Gegenwart nachvollzogen werden kann. Ein Aufgabenschwerpunkt der Bildstellenfotografen lag in der Begleitung von Veranstaltungen und Großereignissen mit überregionaler Reichweite wie den glamourösen Bambiverleihungen der 1950er- und 60er-Jahre oder den 3. World Games 1989 in Karlsruhe. Daneben fertigten sie Portraitaufnahmen von Mitarbeitenden der Stadtverwaltung, Mitgliedern des Gemeinderats und hochrangigen Gästen der Stadt an und dokumentierten den Wandel des Stadtbildes durch Abrisse oder neu errichtete Gebäude. Im Unterschied zu dem ebenfalls im Stadtarchiv aufbewahrten Bildbestand des BNN-Fotografen Horst Schlesiger zeigen die Fotografien der Bildstelle die Fächerstadt eindrucksvoll aus kommunaler Perspektive.
Lange Zeit schlummerte dieser Schatz nahezu unbeachtet im Archiv. In den Jahren von 2012 bis 2017 konnten die etwa 295.000 Negative mit Eigenmitteln des Stadtarchivs digitalisiert werden. Doch fehlten abgesehen von rudimentären, oft auch fehlerhaften Angaben zu den Inhalten der Bildwerke oftmals verlässliche Informationen. Deshalb entschied sich das Stadtarchiv dazu, im Rahmen eines Pilotprojektes den Bestand von Grund auf neu zu bearbeiten. Nach archivischen Grundsätzen wurden mehrfach aus derselben oder ähnlichen Perspektiven fotografierte Aufnahmen, Fotos mit technischen Fehlern oder solche ohne Bezug zu Karlsruhe nicht in die Datenbank aufgenommen. Hochgerechnet auf den Gesamtbestand kamen für das Pilotprojekt und ein Folgeprojekt danach knapp 60.000 Fotos für die Aufnahme in die Datenbank infrage. Aufgrund des enormen Umfangs war die Erschließung im laufenden Dienstbetrieb des Stadtarchivs nicht zu leisten. Deshalb wurde mit finanzieller Unterstützung der Stiftung Kulturgut Baden-Württemberg ein Dienstleistungsunternehmen beauftragt, unter fachlicher Aufsicht des Archivs einen Teil des stadtgeschichtlich wertvollen Bestandes - mehr als 8.000 Fotografien - der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.
Um die Fotos im Internet leichter zu finden, nutzt das Stadtarchiv einheitliche Normdaten der Gemeinsamen Normdatei (GND) zu Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens oder geographischen Angaben. Über diesen von der Deutschen Nationalbibliothek betreuten Datenpool können Menschen und Orte eindeutig identifiziert werden. Bei einer Recherche sind die Informationen von Archiv- und Museumsdatenbanken wie auch Bibliothekskatalogen in übergreifenden Portalen außerdem miteinander vernetzt recherchierbar. So finden sich bei einer Suche nach der Person Friedrich Weinbrenner im Portal der Deutschen Digitalen Bibliothek einerseits die amtlichen Spuren des Architekten mit Verweis auf die Abteilungen des Landesarchivs Baden-Württemberg oder das Stadtarchiv Karlsruhe. Andererseits werden auch Bücher von und über Weinbrenner aus Bibliotheken aufgelistet. Selbst eine Glasplatte mit einer Ansicht der Evangelischen Stadtkirche Karlsruhes aus der Glasdiasammlung des Instituts für Kunstgeschichte, Archäologien und Klassische Altertumswissenschaften an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg ist damit verknüpft.
Eine große Herausforderung im analogen Bereich ergab sich für die Archivmitarbeitenden während des Projekts im Umgang mit im Fotobestand befindlichen, leicht entflammbaren und praktisch nicht zu löschenden Nitrozellulosefilmen. Zwar stammt das Gros der Fotografien aus der Zeit nach der Gründung der Bildstelle im Jahr 1957, als der Gesetzgeber die Verwendung der gefährlichen Nitratfilme verbot. Dennoch haben die Fotografen auch ältere Aufnahmen aus Beständen städtischer Ämter in ihre Sammlung übernommen. Da die Filme bei starker Zersetzung bereits bei Temperaturen um die 38 Grad selbstentzündlich sind, kam es in der Vergangenheit in deutschen Archivmagazinen mehrfach zu verheerenden Bränden. Um ein solches Risiko für das Stadtarchiv auszuschließen, begaben sich die Mitarbeitenden der städtischen Restaurierungswerkstatt und Buchbinderei auf Spurensuche. Tatsächlich konnten anhand einer Herstellerliste 1.014 Negative identifiziert werden, die mutmaßlich auf Nitratfilmen als Trägermaterial gespeichert waren. Nach Separierung der Verdachtsfälle holte eine Spezialfirma diese ab, digitalisierte sie und erstellte von den instabilen Originalen physische Kopien in Form von 35 mm-Mikrofilmen. Abschließend entsorgten die Experten die Nitratfilme fachgerecht.
Die vielfältigen Erfahrungen, die im Rahmen des Pilotprojekts gesammelt werden konnten, dienen nun als Grundlage für die zweite Phase zur Erschließung der Bildstellenfotografien: Am Ende eines mehrjährigen Großprojekts soll der gesamte bewertete Bestand für eine rege Nutzung im Rahmen der historischen Forschung und Bildungsarbeit, Presseberichterstattungen, der Erstellung von Ausstellungen oder der Bebilderung von Publikationen bereitgestellt werden. Zunächst jedoch werden die Datensätze mit den Digitalisaten der bedeutsamen historischen Fotografien im Anschluss an eine intensive Qualitätskontrolle schrittweise in das Onlineportal der Archivdatenbank des Stadtarchivs und weitere Archivportale ins Netz gestellt. Zusätzlich zur Datenbankveröffentlichung sind bereits mehrere Ausstellungen unter Nutzung der hochkarätigen Fotografien in Planung. Noch im laufenden Jahr zeigt eine Sonderausstellung des Stadtarchivs anlässlich des 200. Todestages von Friedrich Weinbrenner in der Krypta der Evangelischen Stadtkirche zu Ehren des Baumeisters die genannten Fotografien zur Exhumierung und Umbettung der sterblichen Überreste.
Eric Wychlacz M.A., Stadtarchiv Karlsruhe