Blick in die Geschichte Nr. 150
vom 2. April 2026
Biographie Otto Wagener
Otto Wagener war Unternehmer und Offizier, vor allem aber ein überzeugter Nationalsozialist. In der Parteihierarchie schaffte er es ganz nach oben, nämlich bis ins unmittelbare Machtzentrum Hitlers. Kurz nach der Machtübertragung war der aus Durlach stammende Wagener sogar als Wirtschaftsminister im Gespräch. Dass er heute auch in Karlsruhe kaum mehr bekannt ist, liegt vor allem am abrupten Ende seiner Parteikarriere im Sommer 1933. Er fiel in Ungnade, weil er als Leiter der Wirtschaftspolitischen Abteilung der NSDAP seine Ambitionen auf das Ministeramt allzu offensichtlich gezeigt hatte. In seinen nach dem Krieg verfassten Memoiren mit dem Titel "Hitler aus nächster Nähe" rühmte sich Wagener seiner herausgehobenen Rolle als Hitler-Intimus, der dann leider durch Intrigen Görings zu Fall kam.
Der 1888 als Sohn von William Wagener, Direktor der Nähmaschinenfabrik Karlsruhe, geborene Otto folgte Anfang der zwanziger Jahre seinem Vater in der Geschäftsführung. Zunächst hatte er allerdings eine militärische Laufbahn eingeschlgen. Nach dem Besuch der Karlsruher Kadettenanstalt ging er an die preußische Kriegsakademie in Berlin. Im Ersten Weltkrieg war er Generalstabsoffizier.
Wie so viele Offiziere verkraftete Wagener die deutsche Niederlage nicht und kämpfte weiter als Mitglied des Freikorps Deutsche Legion im Baltikum. In seinem Buch "Von der Heimat geächtet" verklärte er diese Zeit und stilisierte sich selbst zum Märtyrer. Den Parlamentarismus und die Weimarer Republik lehnte er nicht nur aus tiefstem Herzen ab, er beteiligte sich 1920 auch an dem konterrevolutionären Kapp-Putsch und wurde deshalb zu einer Haftstrafe verurteilt, die er im Gefängnis in der Riefstahlstraße verbüßte, wo er angeblich "als einer der gefährlichsten Gegner der damaligen marxistischen Herrschaft zur Raison gebracht werden sollte."
In den zwanziger Jahren agierte Otto Wagener, nur scheinbar geläutert, vor allem als Geschäftsmann. So war er Direktionsassistent einer Pumpen- und Armaturenfabrik, Aufsichtsrat einer Linoleumfabrik und Chef eines Furnierhandels. Otto Wageners Privatleben war voller Widersprüche. Obwohl er ein überzeugter Antisemit war, heiratete er in die Karlsruher Furnierhändlerfamilie Utz mit jüdischer Verwandtschaft ein. Sein mit einer Jüdin verheirateter Schwager Emil Theodor Utz wurde später wegen Fluchthilfe verurteilt und starb in Auschwitz.
1929 verließ Wagener Baden und startete in München seine NS-Karriere. Diese hatte im Zweiten Weltkrieg noch ein unrühmliches Nachspiel. Wegen seiner Gräueltaten als Kommandant von Rhodos an italienischen Kriegsgefangenen wurde Wagener als Kriegsverbrecher verurteilt. Von 15 Jahren Haft saß er aber nur zwei ab. In der Nachkriegszeit blieb Wagener ein uneinsichtiger Ewiggestriger. Er starb 1971 in Oberbayern.
Sibylle Peine, Journalistin und Historikerin