vom 2. April 2026
von Heiko Wegmann
Am 10. Oktober 1933 entsandten die Karlsruher Tageszeitungen Badische Presse und Der Führer in aller Frühe Redakteure in den Südschwarzwald, um aus eigener Hand über eine außergewöhnliche Ankunft berichten zu können. Es ging um den Karlsruher Lehrer und Ausnahmesportler Robert Suhr, der als Sprinter des FC Phönix zwischen 1924 und 1929 zahlreiche badische und süddeutsche Meisterschaften und 1926 mit der 4x100-Meter-taffel - genannt "die fliegenden Karlsruher" - die deutschen Meisterschaften gewonnen hatte. Doch nun ging es um eine andere Leistung.
Suhr hatte gerade allein mit seinem BMW-Motorrad 17.000 Kilometer Strecke durch Afrika und Europa und Landschaften unterschiedlichster Art bewältigt. Er war am 10. Juni 1933 im südwestafrikanischen Swakopmund gestartet und zunächst in südlicher Richtung über Kapstadt in Südafrika und dann wieder nördlich durch Rhodesien (Simbabwe), Ostafrika, Sudan, Ägypten und dann von Genua bis Höllsteig gefahren. Damit war er erfolgreicher als der Leutnant der Reserve Kurt Georg von Bauer vom Karlsruher 1. Badischen Feldartillerieregiment Nr. 14, der 1912 mit seinem Versuch gescheitert war, von Südwestafrika nach Berlin zu reiten. Alle echten Pferdestärken von ihm und seinen Begleitern starben bereits in Ostafrika.
Nach dem Empfang in Höllsteig schaffte Suhr noch das letzte kleine Stück nach Karlsruhe. Anschließend wurde seine BMW bei der Firma W. & E. Göhler Motorfahrzeuge in der Waldstraße 40c öffentlich ausgestellt. Diese Reise wurde nicht nur in der Presse gefeiert, Suhr hielt dann auch Lichtbildervorträge unter dem Titel "Mit dem Motorrad durch Afrika" und berichtete von den zahllosen Schwierigkeiten, die er dabei überwinden musste. Zu den Veranstaltern gehörte die Abteilung Karlsruhe des Frauenbundes der Deutschen Kolonialgesellschaft.
Neben seinem Lehrerberuf, zuletzt als Oberstudiendirektor, erwarb sich Suhr in der Bundesrepublik zahlreiche Verdienste als Trainer und Spitzenfunktionär im Sport. So war er unter anderem ab 1948 Vorsitzender des FC Phönix und 1952 wesentlich an dessen Verschmelzung mit dem VfB Mühlburg zum Karlsruher SC beteiligt, dessen stellvertretender Vorsitzender er wurde. Von 1964 bis 1974 war er Präsident des Badischen Sportbunds (Nord). Und nach der Gründung des Landessportverbandes Baden-Württemberg wurde er dessen Vizepräsident.
In einer 2021 vom Badischen Sportbund Nord herausgegebenen Jubiläumsbroschüre finden sich deshalb biografische Informationen über Robert Suhr, in denen auch erklärt wird, wie er überhaupt nach Swakopmund gekommen sei. 1930 sei der junge Lehrer für drei Jahre an die dortige deutsche Schule gegangen und von 1937 bis 1939 habe er nochmals als Leiter der deutschen Oberschule in Windhoek gewirkt. Das heutige Namibia sei damals eine deutsche Kolonie namens "Südwestafrika" gewesen.
Die Darstellung ist beispielhaft dafür, welche erinnerungspolitischen Schieflagen und Leerstellen solche scheinbar harmlosen Darstellungen auch heute noch haben können. Zunächst einmal hatte das Deutsche Reich seine Kolonie "Deutsch-Südwestafrika" 1919 mit dem Versailler Vertrag an die Südafrikanische Union abtreten müssen. Das nunmehrige "Mandatsgebiet Südwestafrika" war nur noch im Wunschdenken eines Teils der Deutschen eine deutsche Kolonie. Die Entsendung von Lehrern wie Suhr sollte auch dazu beitragen, dort das "Deutschtum" zu erhalten und so einen Fuß in der Tür für die spätere Wiedererlangung als deutsche Kolonie zu behalten. Dies blieb jedoch ein Traum.
Die Rekrutierung von Lehrern für Südwestafrika - darunter auch Robert Suhr - fand übrigens aufgrund einer speziellen Konstellation bevorzugt in Karlsruhe statt. Hier schaltete Professor Dr. Ernst Frey mehrere Jahre Ausschreibungen, führte Vorstellungsgespräche mit Bewerbern durch und zog Erkundigungen über sie ein. Geeignete Personen schlug er dann seinem Bruder Carl Frey vor, der als Schulinspektor in einer gehobenen Position der südafrikanischen Mandatsverwaltung in Südwestafrika tätig war. Carl Freys Einführung in das Lehramt an Höheren Schulen war einst an der Goethe-Schule in Karlsruhe erfolgt. 1912 war er dann als Oberlehrer nach Deutsch-Südwestafrika ausgewandert. Als Mitglied der Nationalen Partei wurde er 1958 in den Senat des südafrikanischen Parlaments berufen und blieb dies für 12 Jahre. Die in diesen Jahren erfolgende Dekolonisierung Afrikas lehnte er scharf ab und befürwortete die Apartheid-Politik.
Doch zurück zu den Leerstellen: Robert Suhr, dessen Vater als "alter SA-Mann" galt, war von 1930 bis 1945 Mitglied der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP). Nach eigenen Angaben gründete und leitete er 1931 deren Ortsgruppe Swakopmund AP bis zu seiner Rückkehr. Seine gefeierte Motorrad-Fahrt unternahm er nicht, um einen Rekord aufzustellen, sondern um "etwas von der Welt zu sehen und überall draußen vom neuen Deutschland zu erzählen." Auf einem Foto von seiner Abfahrt in Swakopmund ist zu sehen, wie er den rechten Arm emporstreckt, vor einer großen Hakenkreuzfahne posiert und ein Hakenkreuz auf sein Motorrad gemalt hat. Dies ist auch auf einem Foto von seiner Ankunft in Karlsruhe zu sehen. "Der Führer" titelte "Suhr in Karlsruhe. Nationalsozialist bis in die Knochen".
Auf der Reise von einem Engländer auf den Antisemitismus in Deutschland angesprochen, rechtfertigte er diesen. Es ginge nur darum, "den Anteil fremder Rassen am deutschen Kultur- und Wirtschaftsleben" zu reduzieren. Bevor er wieder nach Südwestafrika ging, fungierte er 1937 als NSDAP-Kreisrichter in Meßkirch und Beisitzer des NSDAP-Gaugerichts. Einmal beschwerte er sich bei vorgesetzten Stellen, weil ein anderer Lehrer bevorzugt befördert worden sei, obwohl er gar kein Parteimitglied sei. Gleichermaßen setzte sich die NSDAP-Gauleitung beim Unterrichtsministerium für die "bevorzugte Beförderung" des "Parteigenossen" Suhr ein. Dieser habe sich große Verdienste um die NS-Bewegung erworben.
1937 besuchte die Fotografin und Reiseschriftstellerin Ilse Steinhoff seine Schule in Windhoek. Sie war ganz begeistert von dem sportlichen Schuldirektor, den sie sich ganz anders vorgestellt hatte. Er ließ eigens das gesamte Lehrerkollegium und die Schülerschaft mit Hitlergruß und Hakenkreuzflagge zum Fototermin antreten. Und er posierte für sie gesondert mit einem kleinen blonden Jungen. Dieser konnte ein eingerahmtes Foto in die Kamera halten, "der Stolz der ganzen Schule". Es zeigte ihn auf dem Schoß des "Führers" Adolf Hitler anlässlich eines Deutschlandbesuchs mit seinen Eltern. Steinhoffs Buch mit diesen Fotografien erschien in erster Auflage 1939 unter dem Titel "Deutsche Heimat in Afrika - Ein Bilderbuch aus unsern Kolonien", herausgegeben vom nationalsozialistischen Reichskolonialbund. Im Untertitel wurde der aufrechterhaltene Besitzanspruch gleich deutlich gemacht.
Robert Suhr war nicht nur ein herausragender Sportler und Sportfunktionär, sondern auch ein sehr engagierter und vielseitiger Lehrer. Dass er sich in Ettlingen als SPD-Stadtrat betätigte, lässt eine politische Abkehr nach 15 Jahren NSDAP-Mitgliedschaft annehmen. Doch diese und auch die Verquickung von NS- und Kolonialgeschichte sollte nicht verdrängt, sondern aufgearbeitet werden.
Dr. Heiko Wegmann forscht im Auftrag des Stadtarchivs Karlsruhe zur Kolonialgeschichte.