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Blick in die Geschichte Nr. 150

vom 2. April 2026

Karlsruhe erhält ein zweites katholisches Gotteshaus

Die Vincentiuskapelle am Karlstor

von Jutta Dresch

 

Die heutigen ViDia-Kliniken in Karlsruhe entstanden im Jahr 2016 durch den Zusammenschluss des Diakonissenkrankenhauses und der St. Vincentius-Kliniken. Letztere reichen in ihrer Geschichte zurück bis auf den 1851 gegründeten katholischen St. Vincentius-Verein Karlsruhe. Dessen maßgebliche Gründungsmitglieder waren die Schriftstellerin Amalie Baader (1806-1877) und der damalige Kaplan und spätere Oberstiftungsrat Franz Xaver Höll (1817-1879) von der katholischen Stadtgemeinde St. Stephan. Höll gilt als Initiator der Bauvorhaben des Vereins.
 

Innenansicht der Kapelle, Postkarte um 1900

Der sich aus Spenden finanzierende St. Vincentius-Verein widmete sich von Anfang an der Krankenpflege. Eine erste Krankenanstalt wurde 1854 in der Spitalstraße (heute: Markgrafenstraße) eingerichtet. Nach Plänen des Architekten und badischen Baudirektors Heinrich Hübsch (1795-1863), der Mitglied im Beirat des St. Vincentius-Vereins war, wurde dann bis 1862 in der südwestlich des Karlstors gelegenen Kriegsstraße 49 mit dem Vincentiushaus das erste vereinseigene Gebäude errichtet, in dem der Verein die geregelte Spitalpflege durchführen konnte.

Da das Bedürfnis nach mildtätiger Krankenpflege riesig war, kamen rasch Pläne für einen Erweiterungsbau auf. Wieder war es Heinrich Hübsch, der erste Pläne entwarf. Doch starb Hübsch im April 1863. Der Badische Beobachter schrieb am 19. Dezember 1863 zu diesem neuerlichen Bauvorhaben: "[...] dringend nothwendig erscheint für das Haus eine eigene Kapelle, welche den Bewohnern des Hauses ein Bedürfnis, zugleich für die kath. Gemeinde der Residenz mit 11.000 Seelen und einer einzigen Kirche eine große Wohlthat sein und vielen Wünschen entgegen kommen dürfte. Der St. Vincentius-Verein hat sich deshalb zur Fortsetzung des Hauses und Erbauung einer eigenen Kapelle entschlossen. Er hat dazu die staatspolizeiliche Bauerlaubnis eingeholt und den Bau bereits begonnen. Die Kosten des ganzen Weiterbaues sind auf 22.000 fl. veranschlagt." Spenden für den Bau einer Kapelle flossen aus allen Schichten der Karlsruher Katholiken reichlich, so dass die Bauarbeiten rasch vorangetrieben werden konnten.

Bis dahin war die bis 1814 errichtete Kirche St. Stephan in der Erbprinzenstraße das einzige katholische Gotteshaus in Karlsruhe. Der Bau eines weiteren katholischen Gotteshauses war in den als "Kulturkampf" bezeichneten Jahren der Auseinandersetzung zwischen dem protestantisch geprägten badischen Staat und der um Selbständigkeit ringenden, vom Freiburger Erzbischof Hermann von Vicari (1773-1868) repräsentierten katholischen Kirche in der Residenzstadt wohl nur als privat finanziertes Projekt denkbar. Auch kam die Gründung einer zweiten katholischen Kirchengemeinde in Karlsruhe damals nicht in Betracht. So wurde die neue Vincentiuskapelle der katholischen Stadtgemeinde St. Stephan zugeordnet. Erst 1901 erhielten die Karlsruher Katholiken mit der am östlichen Ende der Kaiserstraße gelegenen Kirche St. Bernhard ein zweites großes Gotteshaus mit selbständiger Kirchengemeinde.

Nach Hübschs Tod 1863 übernahm dessen Schüler Adolf Williard (1832-1923) die Arbeiten für den St. Vincentius-Verein. Dieser arbeitete nach einem Studienaufenthalt in Italien 1861 bis 1864 im Großherzoglichen Hofbauamt. 1864 bis 1868 war er stellvertretender Leiter des Bezirksbauamtes in Mannheim. 1869 bis 1893 leitete er das Erzbischöfliche Bauamt Karlsruhe. Nach seinen Entwürfen wurden 22 Kirchen in der Umgebung von Karlsruhe und in der Ortenau errichtet, darunter bis 1886 St. Peter und Paul in Karlsruhe-Mühlburg. 1896 bis 1908 gehörte Williard als Mitglied der Zentrumspartei dem Karlsruher Stadtrat an. Dort arbeitete er in verschiedenen Kommissionen mit. 1902 bis 1908 war er Inspektor der Städtischen Sammlungen, heute aufgeteilt in Stadtarchiv, Stadtmuseum und Kunstmuseum, wobei er sich große Verdienste um deren Ausbau und die Unterbringung im umgebauten alten Wasserwerksgebäude in der Gartenstraße erwarb.

 

Außenansicht des alten St. Vincentius-Krankenhauses in der Kriegsstraße/Ecke Karlstraße, Foto 1930

Für den Erweiterungsbau der Krankenpflegeanstalt und für die Vincentiuskapelle soll Williard die Pläne seines Lehrers Hübsch erweitert haben, so dass diese beiden Bauten den Zeitgenossen als Williards eigenständige Werke galten. Allerdings sind weder der Erweiterungsbau noch die Kapelle für den Karlsruher St. Vincentius-Verein in Williards Werkverzeichnis aus dem Jahr 2000 aufgeführt.

Anhand alter Fotografien lässt sich die Vincentiuskapelle beschreiben. Die Eingangsseite lag nach der heutigen Karlstraße hin. Bei identischer Firsthöhe fügte sie sich unmittelbar in die beidseitig anschließenden dreistöckigen Gebäude ein. Die im einfachen neogotischen Stil gestaltete Fassade war durch ein Portal und drei darüber liegende Fenster gegliedert. Zudem war unter dem Giebel ein Rundbogenfries angebracht. Die Kapelle hatte eine beachtliche Größe, bot sie doch rund 400 Personen Platz. Die Altarsteine setzte der Werkmeister Johann Baptist Belzer aus Weisenbach bei Rastatt. Schon am 24. Oktober 1864 fand die Einweihung der Vincentiuskapelle statt. Erzbischof Hermann von Vicari schickte dafür seinen Domkapitular Karl Franz Weickum (1815-1896), der schon als Gymnasiast Kontakte zum Hause der Amalie Baader hatte, nach Karlsruhe.

Ein Jahr nach ihrer Einweihung erhielt die Vincentiuskapelle eine Orgel mit sieben Registern mit selbständigem Pedal aus der Durlacher Orgelfabrik Voit und Söhne. Das Instrument wurde am 16. August 1865 geweiht und erstmals gespielt. Laut damaliger Pressemeldung gereichte die Orgel ihrem Schöpfer zu großer Ehre und befriedigte die Zuhörer "durch Fülle und Kraft des Tones". Der Badische Beobachter schloss seinen am 17. August 1865 veröffentlichten Bericht über die neue Orgel wie folgt: "Für die katholische Gemeinde ist das neue Werk eine Wohlthat, gleichwie die St. Vincentiuskapelle für die Bewohner des südlichen Stadttheils ein Bedürfnis ist." Das Vincentiushaus lag damals am südlichen Rand der bebauten Fläche der Residenzstadt.

Die Kapelle wurde überaus reich und kleinteilig ausgestattet. Der in eine Apsis zwischen zwei Rundbogenfenster gestellte Hauptaltar wurde im Stil des Barock mit aufwendigen Holzschnitzereien und seitlich knienden Engelsfiguren gestaltet. Für diesen Hauptaltar schuf der Bildhauer und Professor der Karlsruher Kunstakademie Karl Steinhäuser (1813-1879) im Jahr 1872 ein Altarkreuz. Zudem schuf Steinhäuser eine große stehende Marienfigur mit Kind, die ihre Aufstellung auf dem rechten Seitenaltar fand. Dort wurde die Skulptur unter einen Baldachin gestellt, der die Form einer Krone hatte, von seitlich angebrachten Putten getragen und zeltartig hinterfangen wurde. Steinhäusers Marienfigur für die Vincentiuskapelle wurde als liebliche Gestalt, die in inniger Umarmung das relativ große Jesuskind auf ihren Armen hält, beschrieben. Steinhäuser, der 1848 zum katholischen Glauben konvertiert war und zahlreiche Madonnen schuf, verzichtete auf das Honorar für seine künstlerische Arbeit. Nur den für das Kreuz und für die Marienfigur verwendeten weißen Marmor musste der St. Vincentius-Verein bezahlen. Auf dem linken Seitenaltar fand eine Herz-Jesu-Statue des nicht weiter bekannten Bildhauers F. Hugel ihren Platz, die unter einen gleichartigen Baldachin gestellt wurde.

Bald widmete sich der Vincentiusverein weiteren Aufgaben, für die das Gebäude am Karlstor nicht mehr ausreichte. Im Jahr 1900 wurde der Krankenhausneubau in der Südendstraße eröffnet. Am Karlstor verblieben die Stationen für Augen-, Ohren-, Nasen- und Halskrankheiten. Die Nutzung der Vincentiuskapelle für Gottesdienste lässt sich bis 1911, für Trauergottesdienste bis 1915 nachvollziehen. Im Zweiten Weltkrieg wurde das Vincentiushaus am Karlstor stark in Mitleidenschaft gezogen. Beim Bombenangriff auf Karlsruhe am 3. September 1942 wurden in der Kapelle der Altar samt Kreuz und die beiden Skulpturen auf den Seitenaltären zerstört. Die Gebäude wurden 1976 abgerissen. Die dadurch entstandene Freifläche wurde bis zur Wiederbebauung als Parkplatz genutzt.

Dr. Jutta Dresch, Wissenschaftliche Mitarbeiterin des Badischen Landesmuseums a. D.

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