Badische Neueste Nachrichten vom 14. Mai 2024
Pressebericht über das Pfinzgaumuseum
Ein Jahrhundert voller Durlacher Erinnerungen
Pfinzgaumuseum sammelt seit 100 Jahren Dinge mit Geschichte dahinter
Von Georg Patzer
Karlsruhe. Durlach war mal eine richtige Industriestadt. Viele, die die verwinkelten Gassen und alten Häuser lieben, vergessen das mittlerweile oft. In Durlach wurden Fahrräder und Nähmaschinen hergestellt, die in alle Welt geliefert wurden. Einmal machte sogar Schauspielerin Conny Froboess Werbung für die Gritzner-Nähmaschinen, im Stil der frauenfeindlichen 50er-Jahre. "Bei Mutti sieht das so einfach aus, da bekommt man direkt Lust am Selbstnähen!", heißt es auf einer gelben Werbetafel. Sechs rot umrandete Fotos sind darauf, auf denen junge Frauen dazu animiert werden sollen, selbst Lust auf das Nähen zu bekommen, mit der "Gritzner Zauber-Automatic".
"Bis heute bekommen wir Geschenke von Durlachern." – Christiane Sutter, Historische Museen
In einer Führung anlässlich des Durlacher Museumsfests zeigt Christiane Sutter, stellvertretende Leiterin der Historischen Museen, am Sonntagnachmittag einige Objekte, die das Pfinzgaumuseum im Laufe der einhundert Jahre bekommen hat: 1902 schlug ein Leserbrief im Wochenblatt vor, ein Durlacher Museum zu gründen, 22 Jahre später wurde es eingeweiht.
Erster Leiter war der Durlacher Postsekretär Friedrich Eberle, der alles sammelte, etwa einen steinzeitlichen Krug, den er höchstselbst mit seinem Namen beschriftete. "Bis heute bekommen wir Geschenke von Durlachern", sagt Sutter, "das ist für uns Gold wert." Aber nicht nur die Dinge selbst, sondern vor allem die Geschichten dahinter interessiert das Museum: Wie sie zu den Durlachern kamen, was sie ihnen oder ihren Vorfahren bedeuteten. Vor allem Alltagsgegenstände wie eine Puppennähmaschine, eine Nudelschneidemaschine, einen Polizeiledermantel oder ein Fahrrad, Skurriles wie die Hufeisensammlung des Veterinärarztes Brose oder technische Dinge wie ein mit Phiolen bestücktes Gerät von der Firma Chlorator, mit dem man den Chloranteil im Wasser nachprüfen konnte. Das kam aus einem norddeutschen Museum in Borgentreich bei Höxter nach Durlach, weil auf dem Koffer "Chlorator GmbH, Grötzingen" stand.
Ein Regal mit Schuhabsätzen mit der Aufschrift "Absätze Continental. Enorm haltbar", ein Bestuhlungsplan des "Skala Filmtheaters" oder ein Teffiphon, ein Vorläufer und Konkurrent von Musikkassetten aus einer Durlacher Bäckerei, inklusive drei Tonbänder: "Schlagerpalette Nr. 4" steht auf einer. Zu allem weiß Sutter viel und Spannendes und Aufschlussreiches zu erzählen.
Weitere Führungen durch die ständige Ausstellung führen beim Museumsfest durch die Stadtgeschichte, zwei Aufführungen bürgerlicher Tänze zeigt der Heimatverein Stupferich im Festsaal des Schlosses. Kinder lernen Drucken in der historischen Druckerei und Basteln von Kokarden zum Anstecken. Vor dem Schloss gibt es Stände mit Kostproben, die der Markt des Naturparks Schwarzwald Mitte/Nord anbietet. Für ein Museumsfest, bei dem das hundertjährige Bestehen gefeiert wird, aber ein wenig mager, wie der Kommentar einer älteren Durlacherin sagt: "Viel los isch net."
Quelle: Badische Neueste Nachrichten | Karlsruhe | KARLSRUHE | 14. Mai 2024