Badische Neueste Nachrichten vom 27. März 2024
Pressebericht über das Pfinzgaumuseum
Per Schnellwaschkugel in den Alltag anno dazumal
Seit 100 Jahren beschenken Menschen das Pfinzgaumuseum als Durlachs Gedächtnis mit einmaligen Objekten
Von Kirsten Etzold
Karlsruhe. "Steinzeit", steht mit Stift auf den Rand des erdfarbenen Henkelkrugs geschrieben. "Geschenk von F. Eberle." Friedrich Eberle, der Gründer des Pfinzgaumuseums, verewigt vor rund 100 Jahren mit eigener Hand den Hinweis auf seine Schenkung direkt auf dem Objekt. Wie kostbar es ist, schreibt er auf den Boden des Krugs: "2.000 Jahre v. Chr." 100 Schenkungen aus 100 Jahren präsentiert das Pfinzgaumuseum jetzt zur Feier seines runden Geburtstags. Es bietet seinen Gästen damit eine lebensnahe Zeitreise und die Chance auf einmalige Entdeckungen. Durlach vor 100 Jahren: Das Selbstbewusstsein der selbstständigen Stadt wächst mit der Einwohnerzahl. Die ist rasant auf rund 14.000 Menschen gestiegen. Am Turmberg bauen sich Fabrikbesitzer große Villen. Die Turmbergbahn fährt, es gibt das Gymnasium, eine Gewerbeschule, die Pestalozzischule und eine Badeanstalt, heute Turmbergbad.
"Viele dieser Schätze können wir sonst nicht zeigen." – Ferdinand Leikam, Museumsleiter
Höchste Zeit für ein Museum, finden die Bürger. Und schenken für eine "Alterthumssammlung", was das Zeug hält. Kostbares, Rares, Unbezahlbares. Die Rüstung eines japanischen Samurai zum Beispiel oder auch die Hochzeitsweste eines Färbermeisters aus dem Jahr 1797. Christiane Sutter und Ferdinand Leikam haben den Fundus des Pfinzgaumuseums gründlich gefilzt. "Es ist eine einmalige Chance", schwärmt Leikam, der Leiter der historischen Museen Karlsruhes. "Viele dieser Schätze können wir sonst nicht zeigen."
Immer wieder trudeln Raritäten ein. Zuletzt ist es ein Hängeschrank einer Schusterwerkstatt in einem rückwärtigen Durlacher Zweckgebäude. 2023 stößt ein Architekt darauf und bietet den Historikern an, zuzugreifen. Die Durlacher schenken ihrem Museum bis heute, was das Zeug hält. Zeitversetzt trudelt ein, was den Alltag der Menschen über 100 Jahre ausmacht. Die Objekte erzählen: Wie sind die Verhältnisse, wie ist das Miteinander in der Altstadt, ringsum und in benachbarten Stadtteilen?
In Arbeiterhaushalten geht es vor 100 Jahren eng zu. Der Bahnhof ist schon an die heutige Stelle verlegt, das hat immerhin Platz für neue Wohnungen gebracht. Richtung Aue sind erste Wohnblocks für Arbeiter bezogen. Zwei- und Dreizimmerwohnungen! Mit Küche, Bad, Toilette, Loggia und Gärten! Die Baugenossenschaft errichtet zudem Einfamilienhäuser in der Dornwaldsiedlung. Wer da einziehen kann, ist mächtig froh. Durch glückliche Umstände bleibt manches Schöne und Nützliche erhalten, obwohl seine Zeit abgelaufen ist. Wie der Brautkranz mit Brautschleier aus dem Jahr 1910. Oder die Nähmaschinenstickerei aus der Zeit vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs. In Gemäldegröße zeigt sie einen röhrenden Hirsch. Die ältesten Objekte überstehen schwierige Zeiten. Als im Zweiten Weltkrieg die Bomben fallen, sind die wertvollsten Stücke in Durlacher Haushalte ausgelagert. Der Neustart ab 1948 ist schwierig. Kaum Platz, ungeeignete und schlecht gepflegte Räume – ein Kritiker beschreibt einen "Besuch im Reich der Spinnen".
"Man kann da einfach durchstreifen und sich inspirieren lassen." – Christiane Sutter, stellvertretende Museumsleiterin
Im Jahr 1971 lassen Einbrecher zu allem Elend noch 21 Pistolen mitgehen. Trotzdem beginnt die schrittweise Aufwertung der Sammlung erst 1976. Sie zieht sich in Etappen bis 1994 hin – der Stand von damals ist der heutige.Die Exponate der Sonderausstellung, das fällt sofort auf, wirken dagegen richtig frisch. Der Zeit getrotzt hat die Schultüte, die der Künstler Karl Wollensack 1970 mit Aquarellfarben bemalt. Und auch die rosafarbene Gritzner-Nähmaschine im Kleinformat für Kinder erscheint nicht museal. Das batteriebetriebene Modell soll in den 1960er-Jahren Mädchen auf ein Leben als Hausfrau und Mutter vorbereiten. Im konkreten Fall wurde daraus nichts, weiß Christiane Sutter. Sie erinnert sich an die Worte der Schenkerin: "Mir hat der Handarbeitsunterricht schon gereicht."
Geschickt zu Themen-Wolken gruppiert im Parkettsaal sind die 100 ausgewählten Objekte. Das Konzept ist farbenfroh. "Man kann da einfach durchstreifen und sich inspirieren lassen", sagt Christiane Sutter. Die Begleitnotizen nennen kurz Hintergründe und Details, etwa bei den technischen Objekten. Da ist das Gerät der Grötzinger Chlorator GmbH, das ab 1950 Chlor-Überschuss im Badewasser anzeigt. Oder die hellblaue Schnellwaschkugel der 1960er-Jahre, billiger und deutlich schweißtreibender als eine Waschmaschine, aufgebockt zum kräftigen Kurbeln: Wer kennt das noch?
Arbeiter verbessern in der Karlsburg noch immer den Brandschutz. Der historische Dachspeicher und der Prinzessenbau sind daher geschlossen. Das Karpatendeutsche Museum ist nicht mehr zugänglich, es wird abgebaut. Die Fläche wird dem Pfinzgaumuseum zugeteilt.
Erstmals verzeichnet das Pfinzgaumuseum wieder Zulauf wie vor der Corona-Pandemie. 2018 wurden 10.000 Besucher, 2019 sogar 12.000 Besucher gezählt. 2023 kamen 10.300 Menschen in das Museum. Davon sahen allein 2.300 Besucher ab Mitte Juli die Sonderausstellung "300 Jahre Durlacher Fayencen".
Quelle: Badische Neueste Nachrichten | Karlsruhe | KARLSRUHE | 27. März 2024
Service
Die Sonderausstellung "100 Schenkungen aus 100 Jahren Pfinzgaumuseum" ist bis einschließlich Sonntag, 15. September, zu sehen. Am Sonntag, 31. März, führt um 15 Uhr Christiane Sutter durch die Sonderschau. Am selben Tag um 16.30 Uhr führt Helene Seifert durch die Dauerausstellung zum Thema "Mann – Frau – Kind: Berufe, Aufgaben und Spiele in Durlach". Die Ausstellungen sind barrierefrei und per Lift erreichbar. Außerdem bietet das Pfinzgaumuseum Telefonführungen mit Eva Unterburg an. Nähere Auskünfte unter Telefon (07 21) 1 33 42 31. Das Pfinzgaumuseum ist mittwochs 10 bis 18 Uhr, samstags 14 bis 18 Uhr und sonntags 11 bis 18 Uhr geöffnet. Die Haltestelle Schlossplatz Durlach fahren die Straßenbahnen der Linie 1 und die Buslinien 21, 23, 24 und 26 an.