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Blick in die Geschichte Nr. 130

vom 19. März 2021

Von Kesselflickern und Komödianten

Erschließung zentraler Geschichtsquellen dank Digitalisierung

von Eric Wychlacz

Zwei Tage lang campierte Georg Gomann mit seiner Familie in Beiertheim auf einer Weide. Der Kesselflicker und Drahtschleifer hatte am 2. Juli 1870 an dem nicht näher bezeichneten Ort mit drei Wagen und acht Pferden sein Lager aufgeschlagen. Ob Gomann mit seinen Angehörigen tagsüber nur in der damals noch selbständigen Gemeinde Beiertheim, im benachbarten Bulach oder sogar auch in Karlsruhe seine Dienste feilbot, ist genauso wenig überliefert, wie der weitere Aufenthalt der wandernden Handwerker. Über den Heimatort der Familie ist hingegen mehr bekannt. Die Menschen stammten aus der kleine Ortschaft Karád, welche im Südwesten Ungarns im Verwaltungsbezirk Somogy nur wenige Kilometer südlich des Balatons liegt - heute eine beliebte Urlaubs- und Weinbauregion.

Aussagekräftige historische Quellen: Fremden- und Nachtzettelbücher

Der Aufenthalt der Ungarn in Beiertheim ist in einem Amtsbuch des im Jahr 1907 eingemeindeten Stadtteils dokumentiert. In tabellarischer Form listet das sogenannte Fremdenbuch über die Jahre 1869 bis 1893 in insgesamt 335 Einträgen das Kommen und Gehen von Auswärtigen in der Ortschaft auf. Darin finden sich jeweils Angaben zu den Ankunfts- und Abreisezeitpunkten, den Namen der den Besuchern Unterkunft gewährenden Haushaltsvorständen sowie Namen und Heimatorten der Fremden. Vereinzelt ergänzen Berufsbezeichnungen wie Regenschirmflicker, Wannenmacher, Bilder- und Bücherhändler, Ringmacher oder Komödianten die sonst spärlichen Informationen. Neben diesen Wanderhandwerkern, -händlern und -künstlern bildeten landwirtschaftliche Saisonarbeiter die zweite große Personengruppe. Eher die Ausnahme blieb die Erfassung von Verwandtenbesuchen.

Dieser Ausschnitt aus dem Grünwinkler Nachtzettelbuch dokumentiert die Erlaubnis für Anton Mayer II., den Joseph Wirth eine Nacht zu beherbergen; der aus Billigheim (Mosbach) kommende Wirth handelte als Reisender mit Galanteriewaren

Der Hintergrund für die Meldungen liegt in dem Bestreben, Gefahren für die öffentliche Sicherheit durch mögliche Unruhestifter frühzeitig zu erkennen sowie erfolgte Vergehen aufzuklären und zu ahnden. Die Meldepflicht existierte mindestens seit dem 17. Jahrhundert im Herzogtum Württemberg und ist für das 18. Jahrhundert auch in der Markgrafschaft Baden nachweisbar. Als Baden 1806 den Rang eines Großherzogtums einnahm und enorme territoriale Gewinne verzeichnen konnte, glich Großherzog Karl Friedrich die bis dahin nur für Privatpersonen geltende Regelung an württembergische Verhältnisse an, indem er sie auf Wirtshäuser ausweitete. Noch heute ist es üblich, in Beherbergungsstätten wie Hotels oder Pensionen bei Ankunft einen Meldeschein auszufüllen. Generell können die ursprünglich für nicht ortsansässige Menschen angelegten Fremdenbücher, die auch unter dem Namen Nachtzettelbücher bekannt sind, in ihrer erweiterten Form als Vorläufer des heutigen Einwohnermelderegisters betrachtet werden. 

Auszug aus dem Fremdenbuch von Beiertheim aus dem Jahr 1870

Transkription der Abbildung 5/Beiertheim B33 (PDF, 72 KB)

 

Außer Georg Gomann fand nur sechs Tage vor den Ungarn ein weiterer internationaler Gast eine Unterkunft in Beiertheim. Alphons Porelli aus der italienischen Gemeinde Sora blieb mit seinen drei Kindern Michael, Anton und Hanneli nur einen Tag. Wahrscheinlich verdiente sich die Musikerfamilie auf örtlichen Festen, Jahrmärkten, Kirchweihen oder Familienfeiern ihren Lebensunterhalt. Die meisten Fremden kamen allerdings aus weniger entlegenen Gegenden, sondern vielmehr aus badischen Nachbarorten oder der damals noch bayerischen Pfalz. Bemerkenswert ist hierbei die Kontinuität, mit welcher Menschen aus bestimmten Orten Beiertheim aufsuchten, um dort einer zeitlich begrenzten Arbeit nachzugehen. Mit mehr als 60 Einträgen stammte beispielsweise fast jeder fünfte Fremde im genannten Zeitraum aus dem Ort Waldhambach, der im heutigen Landkreis Südliche Weinstraße liegt. Der Korbmacher Nikolaus Vollmer aus dem kleinen Örtchen Schwanheim (Landkreis Südwestpfalz) hatte mit Frau, Sohn und Tochter im Zeitraum von 1869 bis 1872 zehn Aufenthalte bei seinem Beiertheimer Gastgeber Joseph Braun IV.

Digitalisierung im Stadtarchiv mit Mitteln der Forschungsförderung

Das Beispiel des Beiertheimer Fremdenbuchs verdeutlicht, wie groß die Aussagekraft dieser historischen Zeugnisse ist. Sowohl Heimat- und Familienforscher als auch Sozialhistoriker können mit ihrem jeweils eigenen Blick auf die Materie vielfältige Informationen gewinnen. Eine Auswertung von Fremdenbüchern kann auf lokaler Ebene existierende soziale Netzwerke sichtbar machen, erlaubt Aussagen zu bestimmten Personengruppen und deren wirtschaftlichen Verhältnissen oder lässt Rückschlüsse zur Binnenmigration zu. In Verbindung mit anderen zeitgenössischen Quellen ergibt sich ein noch reicheres Bild. Heute verwahrt das Stadtarchiv mehr als ein Dutzend Fremden- und Nachtzettelbücher. Diese stammen ausschließlich aus den Archivbeständen der ehemals selbständigen Karlsruher Stadtteile. Für die Kernstadt gibt es im Stadtarchiv keine Überlieferung dieses Dokumententyps. Vergleichende Untersuchungen auf regionaler oder überregionaler Ebene könnten sicherlich für vielfältige Fragstellungen gewinnbringende Erkenntnisse zutage fördern.

Die Präsentation der Digitalisate erfolgt künftig mit einem Programm der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG-Viewer)

Grundvoraussetzung für eine intensivere Auswertung von Fremdenbüchern im Speziellen und Amtsbüchern im Allgemeinen ist ein möglichst einfacher Zugang zu den Unterlagen. Oftmals sind Amtsbücher wie Ratsprotokolle, Bürgerbücher, Polizeistraftabellen oder Beerdigungsbücher, um nur einige Typen zu nennen, flach erschlossen, also lediglich mit rudimentären Informationen wie Titel und Laufzeit in archivischen Datenbanken recherchierbar. Das Stadtarchiv hat es sich im Rahmen einer durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten Kooperation mit dem MARCHIVUM in Mannheim zur Aufgabe gemacht, die Amtsbücher der Kernstadt Karlsruhe und der eingemeindeten Stadtteile zu digitalisieren und damit einer breiten Öffentlichkeit im Internet zur Verfügung zu stellen. Das Projekt "Die Amtsbücher von Karlsruhe und Mannheim - Quellen zum Zentrum und Umland zweier ehemaliger Residenzen" startete im Jahr 2019 und befindet sich nun in der Schlussphase. Bis Ende des Jahres werden mehr als 3000 Amtsbücher (Karlsruhe: 2202/Mannheim: 811) mit voraussichtlich zwei Millionen Einzelscans vorliegen. Während damit die gesamte Amtsbuchüberlieferung Mannheims digital recherchierbar sein wird, klammerte das Stadtarchiv Karlsruhe vorerst die restlichen mehr als 3000 Amtsbücher der ehemaligen Stadt Durlach und der sogenannten Höhenstadtteile davon aus. Da diese Orte organisatorisch und naturräumlich eine eigene Einheit bilden, sollen ihre Amtsbuchbestände im Rahmen eines Folgeprojektes in die digitale Welt überführt werden.

Neu ist die Form der Darstellung der mit der Archivdatenbank Augias und dem daran angebundenen Rechercheportal findbuch.net verknüpften Digitalisate. Diese findet über den erst seit kurzem für die Datenbank zur Verfügung stehenden DFG-Viewer statt. Die Anwendung hat den Vorteil einer intuitiven, einfachen und zugleich äußerst funktionalen Nutzung. Die Zoomfunktion erleichtert bei handschriftlich verfassten Unterlagen eine bessere Entzifferung von nicht selten schwer lesbaren Textstellen. Der DFG-Viewer wird in Zukunft nicht nur für die mittlerweile mehr als 4,5 Millionen vorhandenen Digitalisate des Stadtarchivs, sondern gleichermaßen auch für die zukünftig entstehenden digitalen Dateien standardmäßig zum Einsatz kommen. Neben dem vorgestellten DFG-Projekt werden mit Fördermitteln der Bundesbeauftragten für Kultur und Medien (BKM) bis Ende August mehr als 2000 Akten des wichtigen Bestandes der Hauptregistratur gescannt. Die Zuwendung erhält das Stadtarchiv über das vom Deutschen Bibliotheksverband betreute Förderprogramm "WissensWandel", welches ein Baustein des im Zuge der Corona-Pandemie von der Bundesregierung initiierten milliardenschweren Rettungs- und Zukunftsprogramms NEUSTART KULTUR ist.

Der Bestand gehört zu den für die Erforschung der Karlsruher Stadtgeschichte zentralsten und aussagekräftigsten Quellen. Er bildet das Verwaltungshandeln der Vorläuferinstitutionen der heutigen Ämter, der städtischen Kommissionen, ab. Heute sind darin die Amtsregistraturen des Hauptamtes, der sechs städtischen Dezernate sowie weiterer städtischer Ämter enthalten, in denen kommunale Arbeitsprozesse federführend gestaltet werden. Die Archivalien der Hauptregistratur gehören zu einem der umfangreichsten wie auch von Besucher*innen des Stadtarchivs am häufigsten benutzten Bestände und spiegeln die facettenreiche Geschichte der Stadt als Zentrale großherzoglicher Machtentfaltung, aber auch als eigenständigem Akteur wider. Das Stadtarchiv hofft, mit der Online-Bereitstellung der Quellen aus den geförderten Projekten über verschiedene Portale neue Impulse für die Stadtgeschichtsforschung und überregionale Studien zu setzen.

Eric Wychlacz M. A., Stadtarchiv Karlsruhe

 

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