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Blick in die Geschichte Nr. 146

vom 28. März 2025

Karlsruher NS-Biographien 

Verschweigen, verharmlosen, leugnen

 

Nach dem Zweiten Weltkrieg setzte auf Anordnung der Siegermächte eine Entnazifizierungswelle mit dem Ziel der Beseitigung aller nationalsozialistischen Einflüsse in Gesellschaft, Politik und Verwaltung ein. Mit den zunächst von den Alliierten, dann deutschen Behörden durchgeführten Spruchkammerverfahren sollten Täter ermittelt und bestraft werden. Dabei fielen viele Mitverantwortliche durch das Raster und kamen ungeschoren bzw. mit relativ milden Urteilen davon, so dass sie wieder eine wichtige Rolle in der deutschen Nachkriegsgesellschaft spielen konnten. Dies belegen auch viele Beispiele aus Karlsruhe.

 

Otto Gillen (1899-1986)

von Manfred Koch

Otto Gillen leitete 1948 bis 1972 als einflussreicher Kunstkritiker das Kulturressort der Badischen Neuesten Nachrichten (BNN). Fragwürdige Fakten seiner Biografie vor 1945 verschwieg Gillen.
 

Otto Gillen (1899-1986), Foto 1974

Nach seiner Geburt 1899 in Greiz/Thüringen als Sohn eines Redakteurs prägten sein Leben bis 1948 zahlreiche wechselnde Umstände und Verhältnisse. Den Besuch einer weiterführenden Schule in Belgien ermöglichten ab 1914 erst ein Stipendium der katholischen Kirche. Ab 1917 leistete er Militärdienst, u. a. an der Front in Flandern.  1919 legte er das Kriegsabitur ab und begann, in Berlin Geschichte, Germanistik und Kunstgeschichte zu studieren. Dort schloss er sich 1920 kurze Zeit einem Freikorps an und beteiligte sich an dem gegen die Weimarer Republik gerichteten Kapp-Putsch. 1922 bis 1925 arbeitete Gillen als Journalist bei verschiedenen Zeitungen und unternahm Kunststudienreisen.

1929 wurde Gillen in Kiel promoviert. Danach arbeitete er wieder als Journalist, ab 1931 als Chefredakteur der Goslarschen Zeitung. Darin propagierte er die NSDAP mit deren Antisemitismus und sah Deutschlands Zukunft in der Herrschaft der NSDAP, in die er nun eintrat. 1932 heiratete er - unter Verheimlichung einer geschiedenen Ehe und einer Tochter - eine Verlegertochter und bekam einen Sohn. 1934 endete seine Zeit in Goslar abrupt. Wegen "sittlichen Verfehlungen" an zwei neunjährigen Mädchen erhielt er eine Haftstrafe von1 Jahr und 8 Monaten. Er wurde entlassen, geschieden und aus der NSDAP ausgeschlossen. Danach lebte er als freier Journalist in Wien und beantragte 1938 erfolglos unter Hinweis auf seinen Einsatz für das NS-Ideengut die Wiederaufnahme in die Partei. Nach erneutem Studium und Abschluss mit dem Staatsexamen war er 1942 Dozent an der Kunstakademie in Stuttgart. Ab 1943 musste er Militärdienst leisten und geriet im Februar 1945 im Elsass in Gefangenschaft.

Nach seiner Entlassung zog Gillen Anfang 1946 nach Karlsruhe, heiratete erneut und bekam einen Sohn. Im Februar 1947 wurde er wegen falscher Angaben im NS-Fragebogen verhaftet. In den Verhören leugnet er bis zum Beweis des Gegenteils jede Betätigung im Sinne der NSDAP. Dennoch stufte ihn die Spruchkammer nur als "minderbelastet" ein. Danach stieg Gillen unter Verheimlichung seiner Vergangenheit gegenüber Familie, Arbeitgeber und Öffentlichkeit zur einflussreichen Persönlichkeit der Kulturszene auf. Er war Feuilletonchef der BNN, Mitglied im Kulturausschuss, in der Jury des Hermann-Hesse-Preises und in anderen Institutionen. Gillen lehnte wie schon vor 1945 nun aber ohne rassistische Untertöne die moderne Kunst als Ausdruck von Krankheit und Nihilismus ab. Für seine religiös grundierten Gedichte und Erzählungen erhielt er 1954 den Literaturpreis der Stadt.

Recherchen seines Sohnes und die Wettbewerbsarbeit eines Schülers machten postum die verheimlichten Details seiner Biografie vor 1945 bekannt.

 

Kurt Knittel (1910-1998)

von Gerrit Heim

1975 schied Kurt Knittel aus dem aktiven Landesdienst aus. Damit endete eine Laufbahn, die im Schuldienst begann, ihn als ideologischen Schulungsleiter nach Auschwitz führte und schließlich in der Badischen Landesbibliothek endete.
 

Kurt Knittel (1910-1998), Foto 1946

Kurt Knittels Biographie ist in vielen Punkten typisch für die nationalsozialistische Tätergeneration. Als Sohn eines Bankangestellten geboren, studierte er in den 1920er- und frühen 1930er - Jahren. Der Eintritt in das Berufsleben erfolgte im sich formierenden NS-System. Knittel integrierte sich schnell in die neuen Strukturen. Bereits 1933 trat er der SS bei und war ab 1935 als Sturmschulungsmann in Karlsruhe tätig.

Doch seine Karriere im Vernichtungssystem begann mit Kriegsbeginn. Nach der Einberufung zur Wehrmacht wechselte er bald zu SS-Einheiten. Mit dem Aufbau des Konzentrationslagers Sachsenhausen übernahm er dort die ideologische Schulung der Wachmannschaften. 1941 wurde er in gleicher Funktion nach Auschwitz versetzt. Durch weltanschauliche Schulung und kulturelle Zerstreuung hielt er die Moral der SS-Wachmannschaften bei ihrem Vernichtungseinsatz hoch. Gegen Ende des Krieges wechselte er mit der KZ-Führung noch einmal für einige Wochen in das KZ Mittelbau-Dora.

Am 29. August 1945 wurde Knittel in Karlsruhe verhaftet und im Internierungslager Kornwestheim festgesetzt. Das Verfahren zog sich bis 1947 hin, doch wie vielen NS-Schreibtischtätern gelang es auch Knittel, einer Verurteilung zu entgehen und gar nur als minderbelastet eingestuft zu werden. Einer Rückkehr in den Schuldienst stand nichts mehr im Wege. Parteipolitisch wandte er sich der FDP zu und kandidierte gar für den Karlsruher Stadtrat. Auch kulturpolitisch engagierte er sich. Knittel gründete und leitete die Jugendbühne des Badischen Staatstheaters, war Geschäftsführer der Volksbühne und saß im Verwaltungsrat der Hochschule für Musik.

Erst die Frankfurter Auschwitzprozesse rissen Knittel aus seiner bürgerlichen Existenz in der Bundesrepublik. Er geriet ins Visier von Presse und Landesregierung, die ihn aus dem Blickfeld der Öffentlichkeit entfernen wollte und ihn deshalb 1962 in die Badische Landesbibliothek versetzte.

Die letzte Episode im Landesdienst stellt die langjährige Auseinandersetzung Knittels mit der Landesregierung um seine Verwendung in der Badischen Landesbibliothek und seine Besoldungsstufe dar. Das Verfahren ist gekennzeichnet durch die völlige Uneinsichtigkeit Knittels, dessen Selbstbild als Unbeteiligter, der angeblich nur durch Zufall in das System des Dritten Reiches geraten war, unerschütterlich blieb. Die Landesregierung schreckte wiederum vor einer Entlassung aus dem Staatsdienst zurück. So blieb Knittel bis zu seiner Pensionierung 1975 in der Badischen Landesbibliothek und wurde zuletzt sogar in die Besoldungsgruppe A 13 befördert.

 

Walter Köhler (1897-1989)

von Ernst Otto Bräunche

Nach dem Besuch der Volksschule und des Realgymnasiums Weinheim absolvierte der einer Weinheimer Kaufmannsfamilie entstammende Walter Köhler eine Banklehre beim Vorschussverein Ladenburg. Als Kriegsfreiwilliger im Reserveregiment 109 wurde er am 1. Juli 1916 verwundet und geriet in englische Gefangenschaft. Nach dem Ersten Weltkrieg war er im elterlichen Kolonialwarengroß- und -kleinhandel tätig. Nach dem Krieg schloss er sich der Deutschnationalen Volkspartei und dem antisemitischen Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbund an. 1925 trat er der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) bei, in der er zu einem der aktivsten Propagandaredner wurde und für die er 1929 in den badischen Landtag gewählt wurde.
 

Walter Köhler (1897-1989), Foto 1933

Am 11. März 1933 übernahm der Vorsitzende der NSDAP-Fraktion und zeitweilige Gauleiter (Ende 1932 bis März 1933) als Kommissar das Finanz- und Wirtschaftsministerium, am 6. Mai 1933 wurde er Finanz- und Wirtschaftsminister sowie Ministerpräsident. Dem Reichstag gehörte er vom 12. Dezember 1933 bis 1945 an. Die Stadt Karlsruhe verlieh ihm am 10. Mai 1933 die Ehrenbürgerschaft, die ihm 1945 wieder aberkannt wurde.

Am 4. April 1945 wurde er von französischen Truppen in Karlsruhe verhaftet. Die Spruchkammer Karlsruhe stufte ihn am 20. Oktober 1948 zunächst als Minderbelasteten ein, im Berufungsverfahren wurde er als Belasteter zu einer Haftstrafe verurteilt, die durch seine Internierung abgebüßt war. Nach kurzer Tätigkeit als Handelsvertreter übernahm er mit einem Partner 1948 eine Versicherungsagentur in Karlsruhe, in der er bis 1987 erfolgreich selbst tätig war. Dort stand er seit den 1960er-Jahren auch immer wieder als Zeitzeuge zur Verfügung und schilderte bereitwillig seine Sicht der Dinge, wie er sie sich schon im Internierungslager in Vorbereitung auf sein Spruchkammerverfahren konstruiert hatte. Bis zuletzt hing er dem Irrglauben an, trotz seiner nationalsozialistischen Grundüberzeugung und einer hohen Führungsposition im Dritten Reich nicht für die Verbrechen der Nationalsozialisten mitverantwortlich gewesen zu sein.

Dr. Manfred Koch, Stadthistoriker Karlsruhe i. R.

Dr. Ernst Otto Bräunche, Herausgeber/Redaktion "Blick in die Geschichte"

Dr. Gerrit Heim, Leiter der Abteilung Regionalia an der Badischen Landesbibliothek

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