Blick in die Geschichte Nr. 146
vom 28. März 2025
Ein eierlegendes Säugetier
Ein badischer Revolutionär und sein Schnabeltier
von Albrecht Manegold
1871 erhielt das Großherzoglich Badische Naturalienkabinett das Präparat eines Schnabeltiers zum Geschenk, das als eierlegendes Säugetier eine Bereicherung der Sammlungen darstellte. Aus den Sammlungskatalogen ist dazu nicht mehr ver-merkt, als dass ein gewisser Professor K. Damm der Schenkende war. Hinter dieser knappen Angabe verbirgt sich allerdings eine abenteuerliche Geschichte von Revo-lution, Widerstand, Flucht, Verbannung - und unverhoffter Rückkehr.
Revolution und Flucht
Karl Damm wurde 1812 in Baden-Baden als Sohn eines Seilermeisters - nach anderen Quellen eines Friseurmeisters - geboren. Ein Stipendium erlaubte ihm den Besuch des Lyzeums in Rastatt, wo er ein Mitglied der Schülerverbindung Markomannia wurde. Dem Studium der Theologie und Philologie in Freiburg (1833-1836) schloss sich die Priesterweihe an. 1839 schlug er die Laufbahn als Lehrer mit Stationen in Offenburg, Bruchsal und Heidelberg ein, bis er 1844 zum Direktor des Gymnasiums in Tauberbischofsheim ernannt wurde.
Mit der Wahl zum Abgesandten am Frankfurter Nationalparlament im Jahr 1848 wurde Karl Damm zum Akteur der Revolution von 1848/49, wo er als überzeugter Republikaner auftrat. Später folgte er dem Rumpf-Parlament nach Stuttgart. Mit der Wahl zum Präsidenten des konstituierenden Badischen Landtags in Karlsruhe war 1849 der Höhepunkt seiner politischen Karriere erreicht, dem mit der Niederschlagung der Badischen Revolution die Katastrophe folgte. Karl Damm konnte nur durch Flucht in die Schweiz der Verhaftung entgehen. Nachdem er 1850 in Abwesenheit zu 15 Jahren Zuchthaus und 200.000 Gulden Geldstrafe verurteilt wurde, war an eine Rückkehr nach Deutschland nicht zu denken. Mittellos war Damm auf die Unterstützung aus einer Diätenkasse für verbannte Reichstagsabgeordnete angewiesen. Von der Ausweisung aus der Schweiz bedroht, floh er 1850 weiter nach London, wo er Arbeit als Lehrer fand. Aber bereits 1852 wanderte er krank und verarmt nach Australien aus. Vergeblich versuchte er, gemeinsam mit dem Revolutionär Friedrich Jacob Schütz (1813-1877) sein Glück als Goldsucher, Schafhirte, Arztgehilfe und Straßenbauer zu machen.
Existenzgründung im Exil
Karl Damms weiteres Schicksal im Exil lässt sich anhand von Werbeanzeigen in Melbourner Tageszeitungen nachverfolgen: Er fand 1853 eine Anstellung als Lehrer an dem von der ebenfalls aus Deutschland stammenden Adelaide Polistack gegründeten Mädcheninternat in Melbourne. Noch 1853 trat Damm zum Protestantismus über, um die Schulleiterin heiraten zu können. Renommierte deutsche Wissenschaftler wie der Geophysiker Georg Neumayer (1826-1909) oder der Botaniker Ferdinand von Müller (1825-1896) wurden als Lehrer und Fürsprecher für das Mädcheninternat gewonnen. Zum Kollegium gehörte auch der Revolutionär Gustav Techow (1815-1890), der neue Maßstäbe für den Turn- und Sportunterricht setzte. Versuche, das erwirtschaftete Vermögen durch Spekulationen mit Ländereien und Vieh zu vermehren, waren dagegen wenig erfolgreich und brachten das Ehepaar Damm zeitweise in eine finanzielle Schieflage.
Damm blieb auch im Exil politisch aktiv und trat 1856 als Gründungsmitglied dem Deutschen Verein in Melbourne bei und übernahm hier später das Amt des Vereinspräsidenten. Der Verein setzte sich für die Förderung des kulturellen Lebens in Melbourne und der Naturwissenschaften ein. Hierzu zählte auch die von Robert O'Hara Burke (1821-1861) und William John Wills (1834-1861) geleitete Victorian Exploring Expedition (1860-1861), die allerdings in einer Katastrophe endete: Acht der dreizehn Expeditionsteilnehmer, darunter Burke und Wills, kamen ums Leben, und keines der Expeditionsziele wurde erreicht.
In den bislang zu Karl Damm erschienen biographischen Angaben blieb unerwähnt, dass seine Schwester Crescentia (1823-1859) ihm ins australische Exil gefolgt war. Sie lebte zuletzt im Haushalt ihres Bruders und ihrer Schwägerin wo sie am 1. Februar 1859 nach schwerer Krankheit im Alter von nur 36 Jahren starb.
Amnestie, Abschied und Neuanfang
Im August 1862 wurde auf Anordnung von Großherzog Friedrich I. von Baden die Amnestie der Revolutionäre von 1848/49 verkündet, so dass sich für Damm nach zwölf Jahren Exil erstmals die Möglichkeit ergab, zusammen mit seiner Frau nach Baden zurückzukehren. Das Ehepaar musste offenbar nicht lange überlegen: Per Zeitungsannonce kündigten sie für Silvester 1862 eine Auktion an, bei der neben Möbeln zwei Pianos versteigert werden sollten. Am 11.04.1863 wurde Charles Damm mit einem Abschiedsdinner der German Association geehrt, am 26.04.1863 brach das Ehepaar per Schiff nach London auf.
Zurück in Baden musste sich Damm trotz Amnestie um die Wiederaufnahme in den Staatsdienst bemühen. Es dauerte acht Jahre, bis er wieder dieselbe Position erreicht hatte wie vor Niederschlagung der Revolution. Nachdem er zunächst am Pädagogium (ab Oktober 1864 als Professor) und anschließend an der höheren Bürgerschule in Pforzheim tätig war, wurde er 1867 als Professor an die höhere Bürgerschule in Karlsruhe berufen. 1871 erfolgte die Ernennung zum Direktor dieser Schule, aus der später das Kant- und das Helmholtz-Gymnasium hervorgehen sollten.
Vielleicht nahm Damm die Ernennung zum Direktor zum Anlass, dem Großherzog Friedrich I. im selben Jahr das Schnabeltierpräparat für sein Naturalienkabinett zu schenken. Auch die Sammlung der höheren Bürgerschule wurde im Schuljahr 1871/72 von Damm mit "verschiedenen goldführenden Graniten aus Neuholland" beschenkt.
Karl Damms politisches und soziales Engagement ließ auch nach seiner Rückkehr nach Baden nicht nach. 1871 und 1874 wurde er als Wahlmann aufgestellt. Ein Jahr zuvor war er dem Männer-Hilfsverein Karlsruhe beigetreten.
Völlig unerwartet starb Adelheid Damm am 08.03.1874 an den Folgen eines Schlaganfalls. Karl Damms Gesundheitszustand verschlechterte sich 1876 musste er sich deshalb als Schuldirektor vertreten lassen. Trotzdem wurde ihm im Jahr 1877 - anlässlich seines 65. Geburtstags - der Orden vom Zähringer Löwen (erster Klasse) verliehen. Im Frühjahr 1878 folgte dann aber auf eigenen Wunsch die Versetzung in den Ruhestand. Nach längerem Leiden starb er am 16.09.1886. Sein bescheidener Haushalt wurde wenig später per Auktion aufgelöst. Damms letzte Wohnung befand sich ausgerechnet in der Leopoldstraße, die nach dem Großherzog benannt wurde, gegen den er 1848 rebelliert hatte und vor dem er bis nach Australien geflohen war.
Dr. Albrecht Manegold, Kurator der Wirbeltiersammlungen, Naturkundemuseum Karlsruhe