vom 19. Dezember 2025
von Alexandra Urban
Der Begriff „Heilsame Architektur“ ist neu, der Grundgedanke dahinter nicht. Er beschreibt Merkmale eines Baus, die darauf abzielen, Genesung und Gesundheit zu fördern. Licht, Luft, Ruhe und Natur spielen dabei eine zentrale Rolle. Das Städtische Krankenhaus Karlsruhe, geplant von Wilhelm Strieder, zeigt, wie schon Anfang 1900 die Prinzipien einer heilungsfördernden Bauweise umgesetzt wurden. Wilhelm Strieder leitete von 1885 bis 1911 das Städtische Hochbauamt. Seine Architektur ist dem Neorenaissancestil, der ab 1871 in der deutschen Nation am weitesten verbreitet war, zuzuordnen. Die Entwürfe und Planzeichnungen aus seiner Laufbahn ähneln sich alle stark in Aufbau und Fassadengestaltung. Strieder verfolgte damit ein uniformes Stadtbild und entwarf gleichzeitig einen Grundriss, der auf unterschiedlich genutzte Gebäude anwendbar war.
Das Karlsruher Hospital am ehemaligen Spitalplatz bot Ende des 19. Jahrhunderts nach über 100 Jahren Betrieb und einigen Erweiterungen, schlussendlich nicht mehr genügend Platz, um weitere Patienten aufzunehmen und die bestehenden angemessen zu versorgen. Daher beauftragte die Stadt Wilhelm Strieder und den Mediziner Bernhard von Beck mit der Bauplanung einer neuen, größeren und effizienteren Krankenanstalt.
Bereits die Suche und Wahl eines geeigneten Bauplatzes führten diese akribisch durch, ihre Vorstellung war ein Areal am Stadtrand mit angrenzenden Grünflächen, guter Luftqualität und auf einem Grund, der ihr Bauvorhaben stabil tragen konnte: Voraussetzungen für ein modernes und heilungsförderndes Krankenhaus. An der Moltkestraße, westlich des Karlsruher Schlosses, wurde 1903 der Grundstein gelegt, 1907 öffnete das Städtische Krankenhaus hier als Ensemble von zehn einzelnen Gebäuden seine Tore.
Auf den ersten Blick schienen Strieder und von Beck bei ihrem Plan dem Pavillon-Korridorsystem zu folgen, durch entscheidende Unterschiede erschufen sie allerdings einen neuen Typus.
Der Pavillon-Korridorstil spiegelt bereits einige Aspekte wider, welche durchaus als „genesungsfördernd“ und „heilsam“ betitelt werden können: Allem voran minderte diese Bauweise das Ansteckungsrisiko, da nicht mehr alle Patienten mit unterschiedlichen Krankheitstypen auf engem Raum zusammen untergebracht, sondern eigens spezialisierten Stationen in getrennten Gebäuden zugeordnet wurden. Trotz der Abstände zwischen den Pavillons konnten nun die Wege der Lieferanten und des Personals optimiert und eigene Eingänge, beziehungsweise Zufahrten, angelegt werden.
Geschickt erweiterten Strieder und von Beck die heilsamen Ideen der Pavillon-Korridorbauweise in ihrem Entwurf und passten sie an die Bedingungen des Terrains und die Anforderungen der medizinischen Disziplinen an. Dabei kamen drei wesentliche Merkmale hinzu:
Die Karlsruher Krankenhausgebäude wurden aufgestockt, was mehr Platz für die Patienten und mehr Stauraum für Kleidung oder medizinische Gerätschaften bot. Da das vorherige Hospital der Stadt immer wieder hatte erweitert und vergrößert werden müssen, legte Strieder ein mehrstöckiges Krankenhaus an, das im Zweifelsfall noch durch Anbauten ergänzt werden konnte.
Des Weiteren entschied man sich, die Krankensäle am Ende der Flügelflure quer und nicht längs abschließen zu lassen, um eine bessere Luftzirkulation zu ermöglichen, wofür er viel Zuspruch bekam, da frische Luft schon damals als äußert genesungsfördernd gegolten hatte. Die lichtdurchfluteten Aufenthaltsbereiche bargen zudem eine psychologische Funktion: Sie luden die Patienten und Besucher ein, sich untereinander zu sozialisieren und das Tageslicht durch die großen Fenster, die über die gesamte Fassade aller Gebäude verteilt waren, zu genießen, was zur Erholung beitrug. Über die Krankensäle im 1.Obergeschoss gelangte man auf eine Sonnenterrasse, auf der Patienten mit einem Blick über den Park, auch heute noch, durchatmen und entspannen konnten.
Den dritten Unterschied zur klassischen Pavillon-Korridorbauweise finden wir in den beiden Hauptgebäuden des Krankenhauses Karlsruhe – die Gebäude der Chirurgie und der Inneren Medizin. Eine wirtschaftliche Instanz fehlte hier allerdings. Strieder und von Beck entschieden sich, die wirtschaftlichen Belange in andere Gebäude zu verlagern, damit sich an deren Stelle vollständig auf die medizinischen Vorgänge und die Patienten konzentriert werden konnte. Logistische Abläufe entfielen somit als Stressfaktor und es blieb mehr Platz für Patientenzimmer, Staukammern und Personalräume.
Spiegelgleich stellte Wilhelm Strieder die Gebäude der beiden medizinischen Hauptfächer, die chirurgische und die innere Abteilung, gegenüber und ließ sie, mit ihren rechtwinklig abgehenden Seitenflügeln, einen begrünten Innenhof umgreifen. Die Parkanlage und Spazierwege boten mit ihrem Naturzugang und der frischen Luft einen wichtigen Genesungsfaktor, geschützt vom Lärm der Stadt. Die über zwei Meter hohe Mauer, die das Krankenhausareal umlief, schottete nicht nur die Geräusche von außerhalb, sondern auch die Blicke nach innen ab, was den Patienten zusätzliche Privatsphäre bot. Eine Parkfläche dieser Größe ging damals deutlich über das übliche Maß hinaus und stellte ein Novum für die Krankenhausanlagen dieser Zeit dar. Natur wurde zu einem unabdingbaren Faktor für einen beschleunigten Heilungsprozess.
Nordwestlich hinter den Hauptgebäuden und dem senkrecht dazu stehenden Wirtschaftsgebäude befanden sich das Wohnhaus des Direktors, die Isolierpavillons der ansteckenden Patienten, die Psychiatrie und am Rande der Kußmaulstraße schließlich das Krematorium, mit einem eigenen Zugang. Die Patienten waren so geschickt räumlich voneinander und vom Geschehen im Leichenhaus getrennt. Mit dieser Aufteilung auf dem Lageplan wurde die Ansteckungsgefahr für Patienten und medizinisches Personal, minimiert und dennoch ein effizienter Austausch zwischen den einzelnen Fachrichtungen durch kurze Verbindungswege sichergestellt.
Auch innerhalb der Gebäude gab es eine klare Strukturierung. Die Patienten wurden nach Disziplin, Krankheitsbild, Geschlecht und Alter sorgfältig getrennt und auf verschiedenen Stockwerken und Flügeln untergebracht, was individuelle Betreuung und Pflege durch spezialisiertes Personal ermöglichte.
Strieder und von Beck legten außerdem Wert auf hohe Hygienestandards und erzielten einen signifikanten Fortschritt gegenüber früheren Krankenhaussystemen. Dies wurde durch Einplanung vieler sanitärer Einrichtungen sowie leicht zu reinigenden Fliesen und die räumliche Trennung des Operationssaals vom Patiententrakt gewährleistet und mithilfe regelmäßiger Desinfektion aufrechterhalten. Diese Maßnahmen senkten die Infektions- und Sterberaten im Vergleich zur Vorgänger-Krankenanstalt am Lidellplatz deutlich.
Zuletzt ist die Ästhetik der gesamten Anlage mit ihrer ausgewogenen Geometrie und Symmetrie zu erwähnen. Dank des Denkmalschutzes kann man heute noch die Wirkung der Anlage erfahren. Mit dem Eintritt auf das Gelände bewegt man sich beinah in eine andere Welt, voller einheitlichen Fassaden, einem sichtbaren Antiken-Bezug und einer klaren Gliederung. Diese Merkmale verleihen den Krankenhausgebäuden Herrschaftlichkeit und Anmut, was nicht nur die Patienten, sondern auch Personal und Besucher ansprechen sollte und soll.
Wilhelm Strieder waren schon damals die Aspekte der „heilsamen Architektur“ – auch wenn er sie nicht unter diesem Begriff kannte -, wie Tageslicht, Frischluft, Grünflächen und Ruhezonen, wichtig. Er stellte nicht nur den betriebswirtschaftlichen Aspekt in den Fokus, sondern arbeitete konsequent daran, einen menschenzentrierten und heilorientierten Behandlungsort zu kreieren. Gemeinsam mit dem Mediziner Bernhard von Beck schuf er eine Anlage, die das Zusammenspiel von Architektur und Gesundheit optimierte und die Genesung der Patienten in den Mittelpunkt stellte. Damit prägte Wilhelm Strieder eine Architektur, die mehr war als nur ein schönes Gebäude: Ein aktiver Bestandteil des Genesungsprozesses.
Alexandra Urban, Kunsthistorikerin